“Du denkst also auch, Latours Theorie als wissenschaftliche Theorie, ist eine Frage des Glaubens?” fragte mich ein Kommilitone nach einer langen Sitzung niedergeschlagen. “Nein.” sagte ich. “Ich glaube, wissenschaftliche Theorie ist grundsätzlich immer auch eine Frage des Glaubens.” Dies ist übrigens keine Parodie auf Latours Vorwort der “Hoffnung der Pandora”. Dort fragt ein unruhiger Journalist den Autor etwas beängstigt: “Glauben sie an die Realität?” Latours entwaffnende Antwort: “Natürlich.”

What about science? Tja. Was gibt es über Wissenschaft zu sagen?
Es steht wohl in jeder Hinsicht fest: Eine Menge. So viel, dass eigentlich die Essenz nicht mehr als solche zu bezeichnen ist, denn Essenz ist naturgemäß nie ein quantitatives Gut gewesen. Oder vielleicht doch? Schaffen wir zu viel (wissenswerte) Information? So viel, dass ein ausgeprägter Reduktionismus zur Überlebensstrategie wird, um eben das Essentielle, oder was gerade als essentiell gilt, aus dem Orkus der Informationsflut herauszufiltern? Man kann hier das wenig gnadenvolle Joch spüren, das jenen auf den Schultern liegen müsste, welche die entsprechenden Entscheidungen darüber fällen soll(t)en, was man als relevant betrachten möchte. War nicht stets das Ideal der Grundlagenforschung ein Hauptkriterium seriösen Wissens, das da behauptete, die Produktivität neuen wissenschaftlichen Wissens sei grundsätzlich niemals abzuschätzen? Es gibt gute Gründe für das Bejaen dieser Behauptung. Gründe, die so klassisch sind, dass sie uns zum Halse heraus hängen, aber deswegen sind sie nicht minder triftig. Newton, LaPlace, Boltzmann, Van’t Hoff, Einstein, Poincaré, Planck, Fischer, Heisenberg, Hahn/Strassmann/Meitner (hier streitet die Wissenschaftsgeschichte sich noch) und ungezählte andere. Oft wussten sie selbst am allerwenigsten, was sich aus ihren Gedanken entwickeln lassen würde. Ist aber dieses uralte Ideal der Grundlagenforschung nicht zwangsläufig ein Dorn im Auge eines jeden Evaluierenden? Aber vergessen wir auch die Geisteswissenschaften nicht: Wenn jemand eine Idee hat, wie man z.B. Historiker evaluieren könnte, nur zu! Dies ist der Stoff aus dem Dissertationen gestrickt sind!
Wissenschaft sei gut, weil sie maßgeblich an einem stetigen Fortschritt beteiligt sei. Das sagen die Realisten. Bis zu einem gewissen Grad auch die Konstruktivisten; je nach dem, was das (Forschungs-)Objekt der Begierde ist. Die Realisten vergessen dabei häufig den Begriff dessen, was sie als Entwicklung eigentlich verstanden wissen möchten, zu definieren.
Die Konstruktivisten betrachten nicht selten nur Konstruiertes, sondern konstruieren durch ihre Betrachtung selbst. Wissenschaft ist und bleibt eine Form, die Welt zu sehen und zu beschreiben; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Inzwischen wirft nicht mehr Zeus mit Blitzen, sondern z.B. das Nordatlantiktief Hendrik.

“Herrjeh, die Erde ist doch viereckig!” witzelte Juri Gagarin 1961, als er als erster Mensch um die Erde flog. Ich wüsste gern, wie viele Wissenschaftler in diesem Moment – und sei es nur für Sekundenbruchteile – Angst und Wasser schwitzten, dass dies kein Scherz gewesen sein könnte. Der Vater der Unschärferelation, Werner Heisenberg, erzählte einst, er habe seinerzeit in einem Lehrbuch beigebracht bekommen, Atome bestünden aus Gebilden, die von Haken und Ösen zusammengehalten wurden. Er selbst ging – wie übrigens bereits Platon – von kleinen runden Teilchen aus. Als der Instrumentenbau es erstmalig zuließ, diese Kleinstteilchen zu beobachten und Heisenberg davon erfuhr, bestand, wie er später gestand, seine größte Angst darin, dass die nun zu beobachtenden Teilchen Haken und Ösen haben könnten. Wie sieht die Welt also aus? Wie sieht die Wissenschaft sie? What about Science?

Wir wissen es nicht.