Die Tagebücher anderer Leute: Einleitung

Über die Jahrhunderte verschmilzt zweifellos Erlebtes, Niedergeschriebenes, Repetiertes und Erdachtes. Der Umfang verschiedener Erzählungen und Beschreibungen, die sich mit demselben Gegenstand befassen, ist abhängig von der Gattung der Literatur, des Zeitraums der zwischen dem Beschriebenen und der Beschreibung liegt, der strukturellen Zwänge des jeweiligen Autors und schließlich der Willkür desselben. Historiker fassen einen vorhandenen Quellenkorpus beispielsweise gern kurz und bündig zusammen.

„Ende Mai des Jahres 1800 erreichte die Humboldt-Expedition die Gabelung des Orinoco.“

Je nach Epoche kommen in der Literatur hingegen vollkommen andere Deskriptionen heraus, deren sachliche Aussagekraft nur geringfügig von der Historischen abweicht.

„Müde zwar im Angesicht der Anstrengungen der letzten Wochen, aber von einer inneren Erhabenheit und Ruhe erfasst, betraten Humboldt und Bonplant fremdes Land. Den Blick versonnen auf eine weite Küstenlandschaft gerichtet, als horchten sie auf etwas Fernes. Eine Welt wars, die…“

Zeitlich und örtlich allgemeiner zwar, aber immerhin wird der Name von Humboldts Begleiter erwähnt und uns ein möglicher Gemütszustand suggeriert, welchen man mitfühlen kann oder nicht.

Was wir brauchen sind jedoch nicht sachliche Beschreibungen, die mögliche Gemütszustände ausblenden, weil sie sich dem fachwissenschaftlich allgemein als Sachlich angenommenen Maßstäben entziehen. Auch fiktive Gemütsbeschreibungen, die man nicht zwingend glaubwürdig finden muss und die zudem Ort und Zeit ignorieren, weil diese Variablen nicht an jeder Stelle in den Duktus, z.B. der romantischen Literatur, passen. Jede Deskription kann ein historisches Ereignis also immer nur fiktiv wiedergeben. Eine historische Beschreibung, die „das Erleben“ weglässt beschreibt ebenso wenig zutreffend ein Ereignis, wie ein Roman. Schreiben wir stattdessen doch lieber die Tagebücher anderer Leute.