Von der Fabrikation des Herzen reden sie. Fahle Gesichter legen ihre Stirn in Falten, als sich ihre ewig gleichen Mienen auf das konzentrieren, was sie hören und sehen. Glasige Augen verfolgen meinen Weg, als ich – eine Viertelstunde zu spät – den Raum betrete.

Doch das Gesprochene fließt weiter. Als ob es keine Unterbrechung gegeben hätte. Gehetzt wenden sich die Blicke der Ausdruckslosen wieder dem Redner oder ihren Aufzeichnungen zu. Monoton peitschen die Worte durch den Raum, hallen von den Wänden wieder, verschwinden in Ohren, in Köpfen, um durch die kratzendenden Enden der Stifte in Form unscharfer Stichpunkten wieder auf Papier gebannt zu werden.

Ein Stuhl scharrt auf dem Steinfußboden, als ich ihn zurückziehe um mich darauf niederzulassen. Plötzlich schießen mir die schrecklichen Folgen meines Tuns durch den Kopf. Noch stehe ich, noch bin ich nicht eingegliedert in die sitzenden Reihen, deren Augen leer sind und in tiefen Höhlen liegen, in die sie sich aus Angst, Verzweiflung und Resignation zurückgezogen haben. Noch gehöre ich zu einer fremden, in diesem Augenblick, in diesem Raum, einzigartigen Zunft. Noch zerfließe ich nicht in der zähen Masse des Kollektivs. Noch höre ich nicht bewusst die Worte, die in die Köpfe aller anderen gedrungen sind. Noch kreisen meine Gedanken nicht um sie.

Statt zu schreien – was ich am liebsten täte – setze ich mich und die Farben verschwinden. Das Licht lässt die Gesichter noch grauer erscheinen als das Leben in diesen ewig gleichen Räumen es bereits tut. Das Farbspektrum scheint von etwas Dunklem vereinnahmt zu sein, beschnitten, auf Konturen und Schatten reduziert.

Das Rascheln meines Papiers dröhnt laut und fremd in meinen Ohren und es ist als wenn die Wesen, die hier versammelt sind, Kälte an Wärme statt abgeben. Für einen Moment glaube ich meinen Atem in Form weißen Nebels vor mir aufsteigen zu sehen. Etwas ist neu und jagt mir einen eisigen Schauer über den Rücken: Ich verstehe plötzlich die Worte nicht mehr. Sie sind ausgesprochen in einer mir fremden, bellenden und schleifenden Sprache. Sie prasseln auf mich ein, verdichten sich, schwellen an zu einem lauten Rauschen, aus dem dann und wann die Echos verschiedenster Lautfetzen in meine Gehörgänge eindringen. Sie verbreiten sich dort, dehnen sich aus und bereiten mir rasende Schmerzen. Meine Hand schlägt mit dem Bleistift auf dem Blatt Papier aus; wie die Nadel eines Lügendetektors. Zeichnet, kritzelt, schreibt eine seltsame Zeichenkette nieder, deren Bedeutung mir nicht klar ist. Reiht obskure Elemente aneinander, deren Semiotik mir unzugänglich ist. Die Zeichen verschwimmen, tanzen hin und her; jedes Mal wenn ich versuche sie mit nervösen Blicken einzufangen.

Kalte Schweißtropfen treten aus den Poren meiner Stirn, laufen mir Tränen gleich die Wangen hinab und stürzen in Zeitlupe auf das Blatt – und die Buchstaben! Der Einschlag ist ohrenbetäubend laut und wütet entsetzlich unter den tanzenden Zeichen, löst sie auf, nimmt ihnen den Boden, saugt sie in weiße Finsternis. Mit zitternder Hand lege ich den Stift beiseite und sehe langsam auf.

Sie sind weg.

Ich bin allein.