Begriff und Idee des Witzes sind historisch betrachtet einem vielfachen Bedeutungswandel unterworfen. Ihre Entwicklung lässt sich über die Literatur bis ins Altertum zu Aristoteles (384-322 v. Chr.) zurückverfolgen, dessen Schriften über die Rhetorik und die Poetik für das spätere Sprechen, Denken und Schreiben über den Witz sehr prägend und einflussreich gewesen sind. Für die heutige Zeit eher ungewohnt ist der Begriff des Witzes, im Altertum und auch noch lange darüber hinaus, nur eher lose mit dem Bereich des Humoristischen oder des Scherzhaften verbunden.[1] Er bezeichnet weder eine literarische Gattung noch eine bestimmte Textsorte, sondern vielmehr eine natürliche Begabung zur Scharfsinnigkeit (griech. euphyes, lat. ingenium), ein Talent die Ähnlichkeiten unterschiedlicher, weit auseinanderliegender Dinge zu erkennen und geistreich und anschaulich in Worte fassen zu können. Als zentrale Techniken des Witzes werden folglich das Gleichnis, die Metapher und die Analogie genannt.[2] So wird in einem Beispiel aus der Poetik eine Trinkschale als „Schild des Dionysos“ beschreibbar, in dem sie als Symbol des Weingottes mit dem Schild als Symbol des Kriegsgottes Ares vergleichen wird.[3]

Die kunstvolle Beherrschung und Anwendung von Metaphern und der bildreiche, „witzige“ Ausdruck verschaffen der Sprache die Macht, zu überraschen, zu erstaunen, zu erschrecken, zu rühren oder zu trösten – also kurz Emotionen zu erzeugen. Das Konzept des „Witzes“ ist daher oft an Vorstellungen von Schönheit und Ästhetik gekoppelt. So beschreibt beispielsweise die „Argutia“ als Kunst der Scharfsinnigkeit im 17. Jahrhundert, während des Übergangs von der Renaissance zu Manierismus und Barock, ein in der Literatur beliebtes Stilprinzip, was darauf abzielt, durch formale und semantische Artistik, durch pointiertes Wortspiel und überraschende Sinnverknüpfungen Staunen und Verwunderung hervorzurufen.[4] In der Absicht zum Ungewohnten und zur Überraschung liegt allerdings auch ein Zwang zur Kreativität und Neuschöpfung, zu immer feineren Verästelungen und Ausschmückungen, begründet. Der leichte und ästhetisch schöne Witz der Sprachspiele und Lautmalereien, auf Gefälligkeit und Bewunderung abzielend, ist daher keineswegs frei von Kritik. So hat schon Aristoteles kritisiert, dass ein Übermaß an feinverästelten Anspielungen, Vergleichen und Metaphern dem klaren Ausdruck der Gedanken eher hinderlich ist. Eine übervolle, schwülstige Sprache verdrängt den Sinn der Rede.[5] Je nach Anlass und Publikum bzw. Leserschaft, aber auch nach Geschmack und literarischer Stilrichtung, verschieben sich somit die Grenzen zwischen dem ästhetisch schönen und dem schlechten Witz.

Ästhetik und Schönheit sind keineswegs die einzigen Elemente mit denen der Begriff des Witzes verbunden ist. In philosophischer Tradition, wie etwa bei Thomas Hobbes (1588-1679) oder John Locke (1632-1704), findet er darüber hinaus auch als Mittel zum Erkenntnisgewinn Beachtung.[6] Der Witz (engl. wit), als Suche nach Analogien und Gleichnissen, offenbart oft einen gemeinsamen Kern im vermeintlich Verschiedenen. Er wird somit zum Pendant der Urteilskraft (engl. judgement) als Befähigung zur Differenzierung und Feststellung von, im Detail verborgenen, Unähnlichkeiten im vermeintlich Gleichen.[7] Als Befähigung des kreativen Assoziierens und Verknüpfens separater Gedanken erfordert der Witz, im Gegensatz zum rational wohl überlegten Urteil, einen schnellen beweglichen Verstand. Er ermöglicht einerseits, über komplexe weit verästelte Gedankengänge, neue Erkenntnisse aufzudecken, birgt zugleich aber auch die Gefahr, sich in der Vielfalt der Assoziationen zu verlieren. Auch hier bleibt der Witz daher letztlich nicht ohne Kritik. Hobbes zufolge kann die Urteilskraft ohne den Witz bestehen, der Witz selbst benötigt jedoch das rationale Urteil als unersetzliches Korrektiv, um nicht im Irrsinn (madness) aufzugehen. Bei Hobbes, wie auch vielen anderen humanistischen Autoren, wird der Urteilskraft als Mittel zur Erkenntnis somit letztlich das größere Lob ausgesprochen.[8]

Das über lange Zeiträume hinweg bestehende Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch des ästhetisch Schönen und des Erkenntnisgewinns, prägte auch entscheidend die Beziehung des Witzes zum Scherzhaften und Humoristischen. Während der schöne Witz, insbesondere in Form höfisch galanter Sprachspiele, von Autoren wie Georg Friederich Meier (1718-1777) oder Johann Christoph Gottsched (1700-1766) durchaus in die Nähe zu scherzhaften Elementen gerückt wird, erscheint das Lachen dem Ziel einer wahren Erkenntnis über die Dinge lange Zeit eher abträglich oder zumindest verdächtig. Nicht zuletzt diesem Umstand mag es auch geschuldet sein, dass man bis ins tiefe 18. Jahrhundert hinein Witz „hatte“ und nicht Witze „machte“.[9]

 


Liertatur:

[1] Vgl. Hecken, Thomas: Witz als Metapher. Der Witz-Begriff in der Poetik und Literaturkritik des 18. Jahrhunderts, Tübingen 2005, S. 7.

[2] Vgl. Ebd. S.28f.

[3] Vgl. Aristoteles, Poetik, Deutsch v. Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1989, S. 69.

[4] Zu den Einflussreichsten Texten des Manierismus und der Argutia Lehre (ital. argutezza, span. argudeza) zählen unter anderem Baltasar Graciáns „Argudeza arte del ingenio“ von 1647 und Immanuele Tessauros „Il Cannocchiale Aristotelico“ von 1654.

[5] Vgl. Hecken, Thomas: Witz als Metapher, S. 27. Hecken verweist hier auf: Aristoteles, Rhetorik, III. ii. 2-6.

[6] Vgl. Ebd. S. 63f. Bei Hobbes finden sich Bezüge zum Witz in den Schriften Human Nature: or the Fundemental Elements of Policy (1640), Leviathan (1651) und The Whole Art of Rhetoric (post mortem 1840). Bei John Locke findet der Witz vor allem im Essay Concerning Human Understanding (1690) Beachtung.

[7] Vgl. Ebd. S. 65, 67.

[8] Vgl. Ebd. S. 65. Hecken bezieht sich an dieser Stelle auf Hobbes Leviathan, S. 57f.

[9] Vgl. Hecken, Thomas: Der Witz als Metapher, S.155f. Zum Witz bei Gottsched siehe: Gottsched, Johann Christoph: Erste Gründe der gesamten Weltweisheit, 1733; und Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst, 4. Auflage 1751. Zum Witz bei Meier siehe: Meier, Georg  Friederich: Anfangsgründe aller schönen Wissenschaften, dritte Auflage, zweyter Teil, Halle 1769.