Vorbemerkungen:

Mit diesem Eintrag möchte ich an den Blogpost „Überlegungen zum Witz – Elemente einer Ideengeschichte“ anknüpfen. In zwei Exkursen sollen diese „Überlegungen“ um einige Ausführungen zum Witz in den Werk von Heinerich Heine und Sigmund Freud ergänzt werden. Im Zentrum dieser Exkurse sollen dabei (anders als im ersten Blogpost) weniger die zahlreichen semantischen Verschiebungen des Witzbegriffs, als seine Beziehung zu verschiedenen Formen der Zensur stehen. Es soll insbesondere gezeigt werden, in welcher Hinsicht dem Witz und seinen Formen und Techniken im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20 Jahrhunderts eine spezifische Funktion zugeschrieben wurde – nämlich die Funktion, Zensuren zu umgehen.

In diesem ersten Exkurs werde ich daher den Witz in Gestalt der Satire, in der Erzählung „Ideen. Das Buch Le Grand“ aus Heinerich Heines Reisebildern und dessen Verhältnis zur politischen Zensur in den Mittelpunkt stellen.

Heine – Witz und Satire als Mittel gegen die politische Zensur

Der Text Ideen. das Buch Le Grand, der im Mittelpunkt dieses ersten Exkurses stehen wird, ist wahrscheinlich zwischen September 1826 und Februar 1827 entstanden. Erschienen ist er 1827, zusammen mit der zweiten und dritten Abteilung der Prosaerzählung die Nordsee und Briefe aus Berlin im zweiten Band von Heinerich Heines Reisebildern.[1] Wie auch die anderen prosaischen Erzählungen der Reisebilder bietet der Text viele autobiografische Züge, wie etwa Erinnerungen an Heines Kinder- und Jugendzeit in Düsseldorf, angereichert mit fiktiven, verfremdeten und überzogenen Elementen. Implizit wie auch explizit eingeflochten in diese Erzählungen finden sich immer wieder Bezüge zu politischen Ereignissen, insbesondere zu der französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons.[2] Der politischen Brisanz dieser Bezüge und Anspielungen in Zeiten der Restauration nach Napoleons endgültiger Niederlage 1815 und seinem Tod 1821 ist sich Heine sehr bewusst. Ein allzu offenes Bekennen zu den Zielen und Errungenschaften der Revolution war brisant und hätte möglicherweise mehr auf den Plan rufen können, als nur die Zensur seiner Schriften. In einem Brief an Wilhelm von Merckel vom 10. Januar 1827 äußert er besorgt:

„Das Buch wird viel Lärm machen, nicht durch Privatskandal sondern durch die großen Weltinteressen die es ausspricht. Napoleon und die französische Revolution stehen darin in Lebensgröße. – Sag niemanden ein Wort davon, kaum wag ich es, Campen mit dem Inhalt des Buches zu früh bekannt zu machen. Es muß verschickt seyn, ehe man dort eine Silbe davon weiß.“[3]

Am Tage der Veröffentlichung verlässt Heine Hamburg, wo er sich bisher aufgehalten hatte und reist nach England ab. Er beschreibt dies als eine Handlung nach dem „Klugheitsgesetz, das jedem rathet nichts zu riskiren wo gar nichts zu gewinnen ist.“[4]

Diesem Klugheitsgesetz mag neben stilistischen Überlegungen auch dazu geführt haben, dass Heine seine kritischen und politischen Gedanken in Form von Witz, Satire und Ironie verpackt. Durch die Wahl der Satire als Textform lässt sich Heine zudem in die Nähe einer Tradition rücken, die den Dichter als eine Art moralischen Lehrer und Erzieher des Volkes begreift. Bei Rabener und Gottsched findet sich die Satire etwa als witziges Pendant zur Moral- oder Strafpredigt beschrieben.[5] Beide, Satire und Strafpredigt, dienen der Tugend und dem Wohle des Volkes. Doch wo die zornige Strafpredigt in der wiederholten Anprangerung altbekannter Laster oft nur noch müdes Gähnen hervorruft, vermag die Satire durch Witz und Spott dem Volk weiterhin den Spiegel vorzuhalten. Die von Rabener und Gottsched beschriebenen und vorgeführten Techniken der Satire, mit denen sie ihre Botschaft vermittelt und das Übel der Lächerlichkeit preisgibt – der Vergleich, die Metapher, die Analogie und die Aufdeckung von Ähnlichkeiten – entsprechen den bereits genannten Elementen des Witzbegriffs.[6]

Auch Heine hat eine Botschaft zu verkünden und will seinen Lesern den Spiegel vorhalten. Während er an Ideen. Das Buch Le Grand arbeitet schreibt er an Wilhelm Müller:

„Die Prosa nimmt mich in ihre weiten Arme und Sie werden in den nächsten Bänden der Reisebilder viel prosaisch Tolles, Herbes, Verletzendes und Zürnendes lesen. Absonderlich Polemisches. Es ist eine gar zu schlechte Zeit, und wer die Kraft und den freien Muth besitzt, hat auch zugleich die Verpflichtung, ernsthaft in den Kampf zu gehen gegen das Schlechte, das sich so aufbläht, und gegen das Mittelmäßige, das sich so breit macht, so unerträglich breit.“[7]

Angriffspunkt seiner Polemik und seines Spottes ist vor allem das deutsche Bürgertum, bzw. dessen zögerliches Festhalten an althergebrachten, absolutistischen und autoritären Strukturen. In Erinnerung an seine Kindheit in Düsseldorf vergleicht er beispielsweise die Beziehung des Kurfürsten zu seinen Untertanen, nach bekanntem Schema mit der eines Vaters zu seinen Kindern, allerdings nicht ohne dieses Bild polemisch ins Lächerliche zu ziehen. Damals, so schreibt Heine, seien die Fürsten noch keine geplagten Leute gewesen, die Krone sei Ihnen mehr oder weniger am Kopfe festgewachsen und des Nachts hätten sie, die Schlafmütze über der Krone tragend, ruhig schlafen können. Überhaupt sei der König, ein großer Kunstförderer und in seinen Freistunden – es seien ihrer 24 am Tag – auch selbst kunstschaffend, ein überaus braver, höflicher und beliebter Mann gewesen.[8] Das der Kurfürst, angesichts der herannahenden Franzosen, eines Tages die Stadt verlassen und abgedankt habe, sei ein bewegender und trauriger Moment gewesen. Dem dünnen Schneider Kilian hätten die Baumwollstrümpfe um die Beine geschlottert und ein pfälzischer Invalide habe sogar Tränen in seinen weißen Schnäuzer vergossen. „Alles gestaltete sich so beängstigend öde“ schreibt Heine, „es war als ob man eine Sonnenfinsternis erwartete“.[9]

Auch in der weiteren Schilderung der Ereignisse spielt er erneut auf Vater-Kind Metapher an, wenn er beschreibt, wie er selbst und einige andere Jungen sich an das Reiterstandbild des Kurfürsten klammernd, dem Einmarsch der französischen Truppen beiwohnen. Wobei in diesem Fall die Jungen auf Standbild mit dem Volke gleichgesetzt werden kann, das ängstlich an der alten Ordnung festhaltend, der neuen Zukunft entgegen sieht.[10] Seine implizite Kritik bezieht sich sowohl auf den selbstherrlichen Fürsten, in seiner Distanz zu den Bedürfnissen des Volkes, wie gewissermaßen auch auf die Bürger, die es sich in den vertrauten Abhängigkeitsverhältnissen gemütlich gemacht haben. Im weiteren Verlauf der Erzählung, in der das Volk nun zunächst dem Kaiser Napoleon und später erneut dem wiederkehrenden Kurfürsten zujubelt, ohne viel von den neuen revolutionären Ideen mit zunehmen, wird die Kritik noch deutlicher. Während er selbst den Geist der Revolution, den ihm in seiner Jugend die Trommel eines bei seiner Familie einquartierten französischen Tambourmajors über die „Marseillaise“ und „Ça-ira, ça-ira“ näherbrachte, nicht vergessen kann, fügen sich die meisten anderen Bürger schnell und fast übergangslos wieder in das alte Leben ein:[11]

„Wo man sonst französisch sprach, ward jetzt preußisch gesprochen, sogar ein kleines preußisches Höfchen hatte sich unterdessen dort angesiedelt, und die Leute trugen Hoftitel, die ehemalige Friseurin meiner Mutter war Hoffriseurin geworden, und es gab jetzt dort Hofschneider, Hofschuster, Hofwanzenvertilgerinnen, Hofschnapsladen, die ganze Stadt schien ein Hoflazarett für Hofgeisteskranke.“[12]

Neben einer gewissen Faszination für Napoleon, sind es vor allem die, in Folge seiner Feldzüge verbreiteten Ideen – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit –, welche Heine hier am Herzen liegen. Der Witz, die zahlreichen und fein verästelten Anspielungen, Metaphern und polemischen Gleichnisse, dienen ihm in zweifacher Hinsicht als Vehikel, um sie zu fördern und zu verbreiten: Einerseits wirbt der Witz, die deutschen Verhältnisse mit Spott und Häme überziehend, für die Errungenschaften des französischen Vorbilds, andererseits dient er zugleich immer wieder auch dazu, die politischen Tendenzen des Textes zu verschleiern und der Zensur so die Angriffsfläche zu nehmen. Die Zensur verdächtig erscheinender, politisch tendenziöser Inhalte war Anfang des 19. Jahrhunderts, insbesondere in Preußen, ein weithin übliches Vorgehen. Während Heines Schriften auf einen ersten Blick zunächst vor allem belustigen, offenbaren sich in den Chiffren seines Witzes ein ganzer Schatz historisch- gesellschaftlicher Erfahrungen und politischer Botschaften.[13]

Das Heine stets um die Zensur seiner Werke fürchten musste, hinderte ihn auch nicht daran, die deutsche Zensurpraxis in witzig-polemischer Selbstzensur aufs Korn zu nehmen. So findet der Leser im Kapitel XII von „Ideen. Das Buch Le Grand“ schließlich folgendes:

„Die deutschen Zensoren – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – — – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – — – – Dummköpfe – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – — – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – “[14]

Dass das Buch tatsächlich verboten werden könnte, bezweifelt Heine. An Varnhagen schreibt er: „Ich kenne meine Deutschen. Sie werden erschrecken, überlegen und nichts thun.“[15] Heine gebraucht den Witz somit als Instrument, das es ihm erlaubt, seine Erkenntnisse und Wahrheiten auszusprechen und zugleich die Schwierigkeiten und Widerstände des Lebens im Lachen erträglicher zu machen. Ohne die Verbindung des Pathetischen mit dem Komischen, so schreibt er, sei es nicht auszuhalten, und darum hätten schon die großen Poeten die grauenhaftesten Bilder des menschlichen Wahnsinns nur im Spiegel des lachenden Witzes gezeigt.[16]

In der zeitgenössischen Kritik ist „Ideen. Das Buch Le Grand“ letztlich durchaus positiv aufgenommen worden. In der „Staats- und Gelehrten Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten“ heißt es beispielsweise: „Hier erhebt sich der Verfasser in Inhalt und Form zu seiner Vollendung, welche ihn in die Reihe der ersten humoristischen Schriftsteller Deutschlands versetzt.“[17]

 


Anmerkungen:

[1] Heinrich Heine Säkularausgabe: Werke, Briefwechsel, Lebenszeugnisse, hrsg. von den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar und dem Centre National de la Recherche Scientifique in Paris, Bd. 5, Reisebilder I (1824-1828) Kommentar, Bearbeiter Sikander Singh/ Christa Stöcker, Berlin 2009, S.263.

[2] Vgl. Heine, Heinrich: Säkularausgabe Bd. 5, Reisebilder I, Kommentar, S.265.

[3] Heine, Heinrich: Brief an Merckel vom 10. Jan. 1827, zitiert nach: Heinrich Heine, Säkularausgabe Bd. 5, Reisebilder I, Kommentar, S.265f.

[4] Heine, Heinerich: Brief an Varnhagen vom 1. Mai 1827, zitiert nach: Heinrich Heine, Säkularausgabe Bd. 5, Reisebilder I, Kommentar, S.266f.

[5] Vgl. Rabener, Gottlieb Wilhelm: Versuch eines deutschen Wörterbuchs, 1745; Rabener, Gottlieb Wilhem: Sendschreiben von der Zulässigkeit der Satyre, in: Ders.: Satyren, erster Teil, 1775. Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen, Des II. Theils VI. Capitel: Von Satiren, 4. Auflage 1751, S. 172-177.

[6] Vgl. Rabener, Gottlieb Wilhelm: Versuch eines deutschen Wörterbuchs (1745), in: Ders.: Satiren, Bad. 2, 8. Aufl., 1764.

[7] Heine, Heinrich: Brief an Wilhelm Müller vom 7. Juni 1826, zitiert nach: Heinrich Heine, Säkularausgabe Bd. 5, Reisebilder I, Kommentar, S.264.

[8] Vgl. Heine, Heinrich: Ideen. Das Buch Le Grand, S. 123.

[9] Heine, Heinrich: Ideen. Das Buch Le Grand, S. 124.

[10] Vgl. Heine, Heinrich: Ideen. Das Buch Le Grand, S. 125f.

[11] Vgl. Heine, Heinrich: Ideen. Das Buch Le Grand, S. 131. „Ça-ira, ça-ira“ ist eine Anspielung auf das Revolutionslied «Ça-ira, ça-ira, ça-ira! Les aristocrates à la lanterne!».

[12] Vgl. Heine, Heinrich: Ideen. Das Buch Le Grand, S. 138.

[13] Vgl. Altenhofer, Norbert: Harzreise in die Zeit. Zum Funktionszusammenhang von Traum, Witz und Zensur in Heines früher Prosa, Düsseldorf 1972, S. 5.

[14] Heine, Heinrich: Ideen. Das Buch Le Grand, S. 143.

[15] Heine, Heinrich: Brief an Varnhagen vom 1. Mai 1827, zitiert nach: Heinrich Heine, Säkularausgabe Bd. 5, Reisebilder I, Kommentar, S.267.

[16] Vgl. Heine, Heinrich: Ideen. Das Buch Le Grand, S. 142. [Die Position von “Dummköpfe” verschiebt sich leider je nach Browser ansicht. Im Orginal ist steht “Dummköpfe” in der dritten Reihe von Unten auf der rechten Seite.]

[17] Staats- und Gelehrten Zeitung des Hamburgischen unparthyischen Correspondenten, Nr. 84, 26. Mai 1827, S.5f.; zitiert nach: Heinrich Heine, Säkularausgabe Bd. 5, Reisebilder I, Kommentar, S.267.