Vorbemerkungen:

In meinem zweiten Exkurs zu den Überlegungen zum Witz (Blogpost vom Okt.2012) möchte ich nun auf den “Witz und seine Beziehung zum Unbewussten” im gleichnahmigen Buch von Sigmund Freud eingehen. Dieser beschreibt den Witz  als Mittel zum Lustgewinn, als Möglichkeit äußere gesellschaftliche, wie auch innere (Selbst-)Zensuren zu umgehen und so unterdrückte Emotionen und Aggressionen ausleben zu können. Mit dem erneuten Aufgreifen der Beziehung Witz und Zensur künpfe ich dabei zugleich auch immer wieder an den ersten Exkurs zum Witz im Werk von Heinerich Heine an.


Freud – Der Witz und die Zensur des Unbewussten 

Sigmund Freud, ein bekennender Heine Verehrer und begeisterter Witze Sammler, war selbst mit einem robusten, derben und schmutzigen Humor gesegnet. Seine überlieferten Gespräche, Briefe und Vorlesungen belegen ein breites Repertoire an humoristischen Anekdoten und polemisch treffenden Anspielungen.[1] Sein Interesse am Witz und seiner Funktion ist jedoch keineswegs nur privater, sondern zugleich auch wissenschaftlicher Natur.[2] Anders als Heine geht Freud in seiner Analyse daher mehr in die Tiefe, erarbeitet und beschreibt ausführlich verschiedene Spielarten und Techniken des Witzes, bevor er sich anschließend daran macht, seine Funktionen und seine Beziehung zum Unbewussten zu bestimmen.

In einer ersten Annäherung charakterisiert er den Witz zunächst, nach bekanntem Muster, als Fertigkeit Ähnlichkeiten im Unähnlichen, also gewissermaßen versteckte Ähnlichkeiten, zu finden. In Anlehnung an Jean Paul nennt er den Witz einen verkleideten Priester, der jedes Paar traut – insbesondere dann, wenn die Verwandten diese Verbindung nicht dulden wollen.[3] Der Effekt des Witzes beruht also auf dem Kontrast, darauf einen Sinn in der Verbindung dessen zu erzeugen, was eigentlich widersprüchlich und nicht sinnvoll ist. Ziel des Witzes ist dabei keineswegs, diesen Widerspruch aufzulösen. Gerade sein „sinnvolles“ Fortbestehen ist der Schlüssel zum komischen Prozess.[4] Kontraste und witzige Verbindungen können auf unterschiedlichen Wegen erzeugt werden. Freud differenziert zwei verschieden Techniken des Witzes: den sprachlichen Wortwitz, hervorgerufen durch Mittel der Verdichtung, Verfremdung oder Modifikation von Sprache und den Gedankenwitz, mit den Mitteln der gedanklichen Verschiebung, der Metapher, der Ironie und Antithese.[5] Er gibt aber auch zu, dass diese Trennung eher ideal gedacht und Wort- und Gedankenwitz oft nur schwer zu unterscheiden sind.

Gemeinsam ist allen Techniken der Lustgewinn, der durch sie erzeugt wird und als die eigentliche Funktion des Witzes angesehen werden muss. Hervorgerufen wird der Lustgewinn durch das Umgehen von inneren psychischen wie auch äußeren soziokulturellen Hemmnissen und Verboten.[6] Schon Kinder empfinden laut Freud ein lustvolles Vergnügen am freien Spiel mit der Sprache, dem Wiederholen des Ähnlichen und dem Wiederfinden des Bekannten. Der Witz beruht also auf dem Kontrast, darauf einen Sinn in der Verbindung dessen zu erzeugen, was eigentlich widersprüchlich und nicht sinnvoll ist. Während diese Lust im kindlichen scherzhaften Spiel, ohne Rücksicht auf den Sinn oder Unsinn der Worte, in Reimen und Abzählsprüchen, frei ausgelebt werden kann, wird selbiges im Laufe des Heranwachsens immer schwieriger.[7] Ein freies Ausleben der Lust wird durch die kritische Ermahnung, sich vernünftig und erwachsen zu verhalten, zunehmend unmöglich. In der Verinnerlichung des äußeren Anspruches der Vernunft und unter dem Zwang zur Anpassung wird das kindliche Spiel auch von den Akteuren selbst zunehmend als sinnlos empfunden und schließlich verworfen.[8] Da der Mensch als „unermüdlicher Lustsucher“ auf einmal erfahrene Lust jedoch nur ungern verzichten mag, sucht er nach Ersatzhandlungen, die es ihm erlauben, die aufgebauten Hemmnisse zu umgehen. Das Mittel zur Ersatzhandlung ist laut Freud der Witz. Seine Techniken erlauben es, das lustvolle Spiel mit der Sprache fortzusetzen und mit Hilfe des durch „Witzarbeit“ hervorgebrachten Sinns im Unsinn, die Kritik zu umgehen. Wenn etwa ein Mann auf die Frage, welche Berufe seine vier Söhne ausüben, antwortet „Zwei heilen und zwei heulen“ (Zwei Ärzte und zwei Sänger), dann lässt sich das so sinnvoll sagen, wenngleich es ungebräuchlich und wenig naheliegend ist.[9]

Während das Vergnügen bei dieser Form des eher harmlosen Witz vorrangig durch die Technik selbst, durch die Lust am zwanglosen Sprach- und Gedankenspiel hervorgerufen wird, liegt der Lusteffekt bei einer anderen Spielart des Witzes eher in seiner inhaltlichen Tendenz begründet. Hier ist der Witz nicht allein Selbstzweck, sondern er dient einer Absicht und/oder richtet sich gegen bestimmte Haltungen oder Personen.[10] Wenn Beispielsweise über ein zu Reichtum gekommenes Paar gesagt wird:

„Nach Ansicht der einen soll der Mann viel verdient und sich etwas dabei zurückgelegt haben, nach anderen wieder soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei viel verdient haben.“[11]

dann besteht der witzige Gehalt dieses Satzes weniger in der sprachlichen Technik, als in dem zweideutigen Doppelsinn in der Verbindung zwischen „verdienen“ und „zurücklegen“ und der impliziten sexuellen Anspielung auf das Verhalten der besagten Frau.[12] Derartige tendenziöse Witze ziehen ihren Lustgewinn aus der Möglichkeit, im Witz entblößende, obszöne, aggressive, kritisch zynische und blasphemische Gedanken zu äußern, die in der normalen alltäglichen Rede, etwa nach den Regel von Moral und Anstand, nicht ausgesprochen werden können.[13] Auch hier vollzieht sich im Witz eine Ersatzhandlung, die dazu befähigt, sowohl innere wie auch äußere kulturell bedingte Hemmungen zu lösen. Er leistet nach Freud eine psychische Aufwandersparnis, indem er es ermöglicht, die auf freie Äußerung von Aggressionen oder erotischen Verlangen folgenden Sanktionen und/oder Schamgefühle zu umgehen und selbige Gefühlsregungen dennoch ausleben zu können.[14] Durch die Erzeugung bildlicher Vorstellungen der angedeuteten Verhältnisse macht der Witz seine Hörer zum Mitwisser und ruft in ihm einen Abklang jener Emotionen hervor, aus deren Impuls er entstand. Im Lachen werden zunächst unbeteiligte Dritte somit zu Bundesgenossen des Erzählers, was es ihnen in der Folge erschwert, den begangenen Tabubruch zu ahnden.[15]

Für das Gelingen dieser Verbindung müssen allerdings einige Bedingungen erfüllt sein. Die Bereitschaft über einen Witz zu lachen, stellt sich nur dann ein, wenn die Entblößung des Witzes keine, vom Hörer geschätzten und hochgehaltenen Werte oder Personen trifft. Ein gewisser Grad von Geneigtheit oder zumindest ein gewisser Grad von Indifferenz ist eine unerlässliche Bedingung, wenn der Witz gelingen soll. Ansonsten kann der Witzvorgang statt  Lachen, schnell Entrüstung zur Folge haben.[16]

Das im Lachen geschlossene Bündnis mit Dritten, grenzt den Witz zudem von anderen Formen des Scherzhaften und Komischen ab. Während sich das Komische im Allgemeinen mit zwei Positionen – dem Subjekt, das etwas komisch findet und dem Gegenstand oder der Person, die komisch erscheint – begnügt, wird der Witz von einem Mitteilungsdrang angetrieben.[17] Die Antriebsfeder des Witzes ist der ehrgeizige Drang sich mitzuteilen, seinen Geist zu zeigen und sich darzustellen: Sei es das Verlangen, sich durch die Qualität der eigenen Wortspiele hervorzuheben, um sich und seinen Scharfsinn bewundern zu lassen, oder das Begehren seine Emotionen und Aggressionen mitteilen zu können. Die gesellschaftliche und subjektive Unterdrückung zahlreicher Triebe ergeben insbesondere für den tendenziösen Witz eine günstige Disposition. Freud beschreibt die Funktion des Witzes daher als diejenige eines sozialen Vorgangs, der es ermöglicht, unsere Psyche zu entlasten und durch Hemmung angestauten Energien im Lachen freizusetzen.[18] Der Lustgewinn stellt sich weitgehend unabhängig davon ein, ob man selbst der Auslöser oder nur der Hörer eines Witzes ist. Dennoch stellt Freud die These auf, dass der Hörer möglicherweise mehr Lust aus dem Witz bezieht als der Witzbildner. Während letzterer sich zunächst konzentrieren und zurückhalten muss, um seine Pointe glaubhaft herüber zu bringen, kann ersterer die angestaute Energie in einem ungezwungenen, sich oft explosionsartig einstellenden, Lachausbruch freisetzen. Er kann den Lustgewinn also mit sehr viel geringerem Aufwand erzeugen, bzw. er bekommt ihn praktisch geschenkt.[19]

Beide Akteure, Erzähler und Hörer, gewähren im Witz einen Einblick in ihre innere Psyche. So legt nicht nur der Erzähler seine geheimen Emotionen, Wünsche und Gefühle im Witz offen, sondern auch der Hörer gibt sich im Lachen als Teilhaber derselben Gefühlswelt zu erkennen.[20] Der Witz greift dabei keineswegs nur jene Wünsche und Emotionen auf, die sich an der Oberfläche des Bewusstseins befinden. Es gelingt ihm auch, jenes tiefere Begehren zu offenbaren, das in Folge von Hemmung und Verdrängung, in die Sphären des Unbewussten herabgesunken ist.[21] Deutlich wird dies an einem Beispiel, das Freud von Heinrich Heine aufgreift. Wenn dieser seiner Figur Hirsch-Hyacinth in „Die Bäder von Lucca“ die Worte in den Mund legt: „Ich saß neben Salomon Rothschild, und er behandelte mich wie seinesgleichen, ganz familionär.“, dann besteht der Witz in mehr als nur der Bildung des Mischwortes „familionär“, in welchem implizit mitschwingt, dass ein Millionär wie Rothschild nur schwerlich zu einer wirklich familiären Behandlung für fähig gehalten wird.[22] Vor dem Hintergrundwissen, dass Heine selbst einen reichen Onkel namens Salomon besaß, der ihn stets etwas herablassend als armen Verwandten behandelte, gewinnen die Worte seines Alter Egos Hirsch-Hyacinth, dessen Figur unübersehbare biografische Züge trägt, eine neue ernsthafte Bitterkeit. Der vermeintlich einfache Wortwitz erhält unter diesen Umständen eine eindeutige Tendenz, die sich aus der gefühlten Zurückweisung seines Autors speist.[23]

Eine solch tiefgehende Analyse eines einzelnen Witzes benötigt allerdings eine Menge an Kontext- und Hintergrundwissen. Auch wenn Freud daher letztlich zugibt, dass es nur hier und da gelingen wird, von dem Verständnis eines einzelnen Witzes Kenntnis über die subjektiven Bedingungen der Seele seines Schöpfers zu gewinnen, so beschreibt er ihn doch als ein nützliches Instrument zur Offenbarung tieferer, versteckter Wahrheiten.[24] Zumindest dann, wenn wir in der Lage sind jene Motive und Tendenzen, die ihn antreiben zu dechiffrieren.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Gay, Peter: Einleitung zu: Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, Frankfurt a.M. 2009, S. 10f.

[2] Vgl. Gay, Peter: Einleitung zu: Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, Frankfurt a.M. 2009, S. 7.

[3] Vgl. Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, (Erstausgabe 1905), Frankfurt a.M. 2009, S. 27.

[4] Vgl. Ebd. S. 28f.

[5] Vgl. Ebd. S. 57f.

[6] Vgl. Ebd. S. 115f.

[7] Vgl. Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, S. 138f. Siehe auch: Braese, Stephan: ››Famillionär‹‹. Sprache und ›Bildung‹ in Freuds Witz und seine Beziehung zum Unbewussten und Heines Bäder von Lucca, in: Weigel, Sigrid (Hg.): Heine und Freud. Die Enden der Literatur und die Anfänge der Kulturwissenschaft, Berlin 2010, S. 211f.

[8] Vgl. Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, S. 142f.

[9] Vgl. Ebd. S.143.

[10] Vgl. Ebd. S.104.

[11] Ebd. S. 56. Hervorhebungen entsprechen dem Original.

[12] Vgl. Ebd. S.56.

[13] Vgl. Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, S.129.

[14] Vgl. Ebd. S. 144-149.

[15] Vgl. Ebd. S. 114, 146.

[16] Vgl. Ebd. S. 158.

[17] Vgl. Ebd. S.156.

[18] Vgl. Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, S. 156f.

[19] Vgl. Ebd. S. 158, 161f.

[20] Vgl. Ebd. S. 155ff.

[21] Vgl. Ebd. S. 172ff.

[22] Vgl. Ebd. S. 33, 153.

[23] Vgl. Ebd. S. 154.

[24] Vgl. Ebd. S. 153.