Wirft man einen Blick in die Geschichte der Soziologie, so mag man den Eindruck gewinnen, dass kaum jemand die Entwicklung dieser Disziplin so sehr geprägt hat, wie der Franzose Émile Durkheim (1858-1917). René König etwa, der es sich seit Anfang der 1960er Jahre zur Aufgabe gemacht hat, Durkheim ins Deutsche zu übersetzen, preist ihn als weltweit zweifellos bedeutendsten Soziologen gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.[1] Insbesondere die 1895 publizierte Abhandlung „Les Règles de la méthode sociologique“ gilt König als Meilenstein auf dem Weg zu einer Wissenschaft des Sozialen. In dieser zentralen Schrift Durkheims, so seine Überzeugung, liegt für die Soziologie eine ähnlich wichtige Schöpfung vor, wie in Descartes „Discours de la methode“ von 1637 für die Philosophie.[2] So wie man ohne Descartes in die neuzeitliche Philosophie nicht hineinkomme, da erst der methodische Zweifel jene Dimension des Denkens eröffnet habe, die das neuzeitliche Philosophieren vom mittelalterlichen abhebe, so komme man ohne Durkheim nicht in die Soziologie hinein. Durkheims Grundsatz „Soziales nur durch Soziales zu erklären“, ist für König, „der Beginn aller Soziologie als selbständiger Wissenschaft.“[3]

Vor Durkheim, so schreibt auch Hans Peter Müller, habe „sich die Soziologie im großen und ganzen in sozialphilosophischen Reflexionen auf abstrakter Grundlage erschöpft, ohne wirklich Sozialwissenschaft zu werden.“[4] Auch wenn es richtig sei, dass es wichtige wegbereitende Studien, wie Beispielsweise Montesquieus „L’esprit de Loix“ (1748), Tocquevilles „De la démocratie en Amérique“ (1835) oder Marxs dreibändiges Werk „Das Kapital“ (1867-1895), gegeben habe; sei die Konstitution der Soziologie „als Erfahrungswissenschaft, mit klar geschnittener und begrenzter Problemstellung, einem theoretischen Rahmen, einer ausgearbeiteten Methode und einer historisch-empirisch sauberen Analyse,“ doch der besondere Verdienst Émile Durkheims.[5] Dessen Ruhm als stilbildender Denker und Pionier begründet sich dabei nicht nur auf seine, inzwischen oft als klassisch bezeichneten, Schriften,[6] oder auf die Herausgeberschaft der Zeitschrift „Année Sociologique“, sondern auch auf seinem unermüdlichen und erfolgreichen Kampf für die Eigenständigkeit der Soziologie als universitäre Disziplin. So war er 1887 in Bordeaux, nicht nur Dozent des ersten Kurses für Sozialwissenschaften an einer französischen Universität, sondern auch Inhaber der ersten französischen Professur für Soziologie. [7]

Durkheims Eintreten für die Emanzipation des soziologischen Denkens von seinen philosophischen Ursprüngen kann dabei als Teil eines größeren und ab dem 19. Jahrhundert verstärkt einsetzenden Differenzierungsprozesses gesehen werden, den Lutz Raphael unter dem Topos der ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ beschreibt.[8] Gekennzeichnet ist dieser Prozess durch die zunehmende Herausbildung neuer wissenschaftlicher Disziplinen und Anwendungsfelder – wie z.B. Sozialhygiene, Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, Pädagogik, Ökonomie, Politikwissenschaft und eben auch Soziologie – die, entlang öffentlicher Diskussionen um ‚soziale Missstände‘, ‚neue Armut‘ oder ‚die Jugend‘, „jene Abgründe rational zu ergründen suchten, die sich zwischen der sozialen Wirklichkeit und den Grundannahmen der bürgerlichen Gesellschaftsmodelle (…) auftaten.“[9] Gemeinsam ist diesen, von Raphael unter dem Sammelbegriff der ‚Sozial‘- oder auch ‚Humanwissenschaften‘ zusammengefassten, Disziplinen, neben ihrem Forschungsgegenstand des „Menschen in seinen gegenwärtigen Lebenszusammenhängen“, vor allem ihre Orientierung an einem positivistisch-empirischen Wissenschaftsideal. Trotz inter- wie auch intradisziplinärer Unschärfen des gemeinsamen verwendeten Begriffs des ‚Sozialen‘, sei es den Vertretern dieser neuen wissenschaftlichen Expertisen zudem zunehmend gelungen, durch Beanspruchung von ‚Tatsachenblick‘ und ‚Faktenorientierung‘, die Philosophie als hegemoniale gesellschaftliche Problemlösungsinstitution abzulösen.[10]

Nicht zuletzt aufgrund dieser engen Verknüpfung der soziologischen Agenda mit derer anderer Sozial- und Humanwissenschaften, sind die einzelnen Etappen ihrer ‚Verwissenschaftlichung‘, die als historisch eindeutige Gründungsmomente gelten können, keineswegs unumstritten.[11] Gegen die vielfältigen Versuche einer Konstitution des ‚Sozialen von oben‘, über deterministisch und überindividuell gedachte Strukturen, wenden sich ebenso alte und breite Traditionen einer Konstitution des ‚Sozialen von unten‘, welche vehement auf der gestalterischen Kraft individueller Praktiken und dynamischer Prozesse gegenüber den Strukturen beharrt.[12] Noch wieder andere Forschungsprogramme versuchen, inspiriert durch die anhaltenden Debatten und Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern einer Soziologie ‚von oben‘ und denen einer Soziologie ‚von unten‘ die Substanz des Sozialen in der Zirkulation zwischen Prozessen und Strukturen zu verorten.[13]

Die Einsicht, dass sich die Soziologie bis heute als ein plurales dynamisches Netzwerk, differenter Forschungsprogramme, Theorien und Paradigmen präsentiert,[14] lässt eine alleinige ‚Gründervaterschaft‘ Émile Durkheims für die moderne Soziologie, wie sie implizit bei König und Müller mitschwingt, zumindest fragwürdig erscheinen. Vieles spricht stattdessen dafür, Hartmut Esser zu folgen, der Durkheims ‚Gründerfunktion‘ auf die makrosoziologische Tradition beschränkt sieht.[15]

Wie die vorangehenden Ausführungen jedoch verdeutlichen, haben die Gedanken und Schriften Émile Durkheims viele seiner Zeitgenossen und auch nachfolgende Generationen inspiriert und beeinflusst. Auch wenn ein Großteil der durkheimschen Theoreme im Laufe der disziplinären Entwicklung aus ihren ursprünglichen Verbindungen herausgelöst und in abstrakterer Form weiterentwickelt wurden, bestehen die ihnen zugrundeliegenden Annahmen, zumindest implizit, in den Gesellschaftstheorien seiner Nachfolger fort.[16] Einige dieser Topoi und Theoreme – wie etwa die Behauptung der Eigenständigkeit sozialer Phänomene – zeigen sich dabei nicht nur für die innerdisziplinären Debatten um die Definition des Sozialen konstitutiv, sondern sind zudem auch elementarer Teil der äußeren Selbstdarstellung der Soziologie geworden, wie sie z.B. in Einführungen und Überblicksliteratur erfolgt.[17] Sie bilden also gewissermaßen bis heute einen Knotenpunkt im Netzwerk soziologischer Theorieentwicklung, an dem sich Generationen von Soziologen, unabhängig von Ablehnung oder Zustimmung, abarbeiten. Jede neue Formulierung, jedes neue Argument für oder wider, provoziert neue Entgegnungen und stärkt somit letztlich die Wirkmächtigkeit der Theoreme als einen beständigen Motor für immer neue Aushandlungsprozesse des soziologischen Selbstverständnisses als wissenschaftliche Disziplin.

Ziel der folgenden Reihe von Blog-Posts ist es daher, sich dem Forschungsprogramm Emile Durkheims – wie er es in den „Regeln der soziologischen Methode“ präsentiert hat – zuzuwenden und zu rekonstruieren, wie in selbigem die Eigenständigkeit der Soziologie als unabhängiger wissenschaftlicher Disziplin, gegenüber den anderen ‚Sozial‘- und ‚Humanwissenschaften‘, begründet wird. Aufzeigen möchte ich dabei vor allem, wie sich methodische Grundlagen als Mittel der Erkenntnissicherung und Aussagen über das Wesen des Sozialen und der Gesellschaft zueinander verhalten und in welcher Weise sie sich gegenseitig bedingen.

In den nachfolgenden Bolg-Posts sollen daher – ohne einzelne Programmpunkte auszulassen, aber auch ohne Durkheims eigene Textstruktur sklavisch zu kopieren – Methoden und Wesensaussagen einander gegenübergestellt werden. Ausgehend von den methodischen Regeln des Beschreibens (Teil 2) werde ich so zunächst Durkheims Definition des Sozialen und seine Begründung der Eigenständigkeit sozialer Phänomene (Teil 3) rekonstruieren. Anschließend wird, über die Unterscheidung des Normalen und des Pathologischen (Teil 4) und die ihr zugrundeliegende Klassifikation von Gesellschafts-typen (Teil 5), nachgezeichnet, wie Durkheim, über das Beschreiben hinaus, die strukturelle Entwicklung menschlicher Gesellschaften einer wissenschaftlichen Erklärung und Beurteilung zugänglich machen zu können glaubt und an welche methodischen Schritte einer objektiven Beweisführung diese Erklärung und Beurteilung rückgebunden werden (Teil 6). In einem letzten Blog-Post (Teil 7) werde ich die Ergebnisse abschließend noch einmal zusammentragen.


Anmerkungen/ Literaturhinweise:

[1] Vgl. König, René, Vorwort der Herausgeber zur vierten Auflage der deutschen Ausgabe, in: Durkheim, Émile, Die Regeln der soziologischen Methode, herausgegeben und eingeleitet von René König, 5. Auflage, Darmstadt 1976, S.15.

[2] Vgl. König, René, Einleitung, in: Durkheim, Émile, Die Regeln der soziologischen Methode, herausgegeben und eingeleitet von René König, 5. Auflage, Darmstadt 1976, S.21.

[3] König, René, Einleitung, S.21.

[4] Müller, Hans-Peter, Verstehen und Erklären bei Émile Durkheim, in: Greshoff, Rainer (Hg.), Verstehen und Erklären, sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, München 2008, S.52.

[5] Vgl. Müller, Hans-Peter, Verstehen und Erklären, S.52.

[6] Zu diesen ‚klassischen‘ Schriften Durkheims zählen, neben den bereits angesprochenen „Règles de la methode sociologique“ (Die Regeln der soziologischen Methode) von 1895, üblicherweise die folgenden Studien: „De ladivision du travail social“ (Über die Teilung der sozialen Arbeit) von 1893, „Le suicide“ (Der Selbstmord) von 1897 und „Les formes élémentaires de la vie religieuse“ (Die elementaren Formen des religiösen Lebens) von 1912.

[7] Genaugenommen handelte es sich bei Durkheims Lehrstuhl um eine Professur für Pädagogik und Soziologie. Auch als Durkheim 1906 an die Pariser Sorbonne wechselt, erhält er zunächst eine Pädagogische Professur. Diese wird allerdings 1913 zur Professur für Erziehungswissenschaften und Soziologie umfunktioniert. Vgl. Heisterberg, Lore, Einleitung, in: Durkheim, Émile, Frühe Schriften zur Begründung der Sozialwissenschaft, (= Soziologische Texte, neue Folge 122), herausgegeben, eingeleitet und übersetzt von Lore Heisterberg, Darmstadt 1981, S.22. Sowie: Mikl-Horke, Getraude, Soziologie: historischer Kontext und soziologische Theorieentwürfe , vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, München 2001, S.68.

[8] Vgl. Raphael, Lutz, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft, Bd. 22 (1996), S. 165-193.

[9] Raphael, Lutz, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen, S. 165.

[10] Vgl. Raphael, Lutz, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen, S. 171.

[11] Vgl. Dimbath, Oliver, Einführung in die Soziologie, Stuttgart 2011, S. 51f.

[12] Vgl. Esser, Hartmut, Soziologische Theorien über Gesellschaft, in: Ders. (Hg.), Soziologie. Allgemeine Grundlagen, Frankfurt/M. 1993, S. 591.

[13] Vgl. Esser, Hartmut, Soziologische Theorien über Gesellschaft, S. 587.

[14] Vgl. Jäckel, Michael, Soziologie. Eine Orientierung, Wiesbaden 2010, S.11; Sowie: Dimbath, Oliver, Einführung in die Soziologie, Stuttgart 2011, S. 13ff.

[15] Vgl. Esser, Hartmut, Soziologische Theorien über Gesellschaft, S. 588.

[16] Vgl. Luhmann, Nilkas, Arbeitsteilung und Moral. Durkheims Theorie , Einleitung zu: Durkheim, Émile, Über die Teilung der sozialen Arbeit, eingeleitet von Niklas Luhmann und übersetzt von Ludwig Schmidts, Frankfurt/M. 1977, S. 17-35, S. 21.

[17] Vgl. Jäckel, Michael, Soziologie. Eine Orientierung, Wiesbaden 2010, S.42f.