Die Kernfrage, die sich konsequent durch die Schriften Émile Durkheims zieht und seinen Überlegungen zugrunde liegt, ist die Frage nach der Verfasstheit menschlicher Gesellschaften. Aufgabe der Soziologie, so Durkheim, ist es, Wege zu finden, wie sich diese Verfassungen objektiv beschreiben, erklären und beurteilen lassen. Entscheidend ist hierbei Durkheims feste Überzeugung, dass Gesellschaften bzw. ihre Verfassungen als Realität sui generis zu betrachten sind. Sie bilden ein Kollektivsubjekt, das sich aus assoziierten Einzelsubjekten zusammensetzt, ohne allerdings darin aufzugehen.[1] Der Versuch, Wesen und Struktur einer Gesellschaft über die Analyse von Individuen zu erklären, scheint ihm folglich ebenso vergeblich, wie die Lebendigkeit eines Organismus aus dem Vorhandensein von Zellen ableiten zu wollen. Damit ist nicht gesagt, dass Menschen kein Bestandteil des sozialen Lebens seien; allerdings rufen sie es, Durkheims Ansicht nach, weder hervor, noch geben sie ihm seine besondere Form. Letztlich tun sie nichts weiter, als es zu ermöglichen.[2] Gegenstand soziologischer Untersuchungen haben somit nicht einzelne Individuen, sondern kollektiv erzeugte Phänomene zu sein, welche die Elemente der gesellschaftlichen Verfassung abbilden.

In diesem und den nachfolgenden Blog-Posts möchte ich versuchen aufzuzeigen, in welcher Weise diese Leitbilder und Prinzipien Durkheims Rede von den sozialen Phänomenen [3] durchziehen, wie sie ihn dazu verleiten, die Soziologie als Wissenschaft von der ‚organischen Natur des Sozialen‘ zu konstituieren und welche Effekte sich daraus für das disziplinäre Selbstverständnis der Soziologie ergeben.

Zur methodischen Konstitution des Forschungsprogramms – Beschreiben

Ein, wenn nicht sogar der zentrale, Ausgangspunkt der methodischen Überlegungen Durkheims ist die Beobachtung einer höchst schwammigen und unpräzisen Verwendung des Begriffs des Sozialen durch seine Zeitgenossen.[4] Dies wiederum läge im Großen und Ganzen daran, dass sich die bisherige Erforschung des Sozialen in sozialphilosophischen Reflexionen auf abstrakter Grundlage erschöpfe, die den – bzw. Durkheims – Ansprüchen an eine wissenschaftliche Forschung nicht genügen.[5] Der entscheidende Fehler, welcher die notwendige Emanzipation Soziologie von einer metaphysischen Philosophie oder Kunst bisher verhindert habe, sei dabei der Umstand, dass a priori gesetzte Ideen, Sinnbilder und Vorstellungen zur Grundlage empirischen Beobachtungen gemacht worden seien, statt die Beobachtung zur Grundlage der Ideen zu machen.[6] Zu oft, so Durkheim, hätten sich diese Ideen als falsch erwiesen, zu oft hätten sie sich wie ein Schleier über Dinge gelegt und ihre wahre Gestalt verdeckt, zu oft seien sie mit der Wirklichkeit verwechselt worden.[7]

Erster methodischer Grundsatz einer wissenschaftlichen Konstitution der Soziologie müsse demnach, in Orientierung an Descartes methodischen Zweifel, sein, alle metaphysischen Vorbegriffe auszuschalten und sich den Phänomenen unvoreingenommen zu nähern.[8] Es sei notwendig,

„(…) daß sich der Soziologe in den geistigen Zustand versetzt, in welchem sich der Physiker, Chemiker und Physiologe befindet, sobald er an einen noch unerforschten Gegenstand herangeht. Er muss beim Vordringen in die soziale Welt das Bewußtsein haben, daß er ins Unbekannte eindringt; er muß sich angesichts von Tatsachen fühlen, deren Gesetze ebenso unerwartet sind, als es die des Lebens waren, als es noch keine Biologie gab; er muß sich auf Entdeckungen vorbereiten, die ihn überraschen und außer Fassung bringen werden.“[9]

Wie in diesem Zitat deutlich wird, weist nicht nur die Methodik, sondern auch die Geisteshaltung, die Durkheim für die Soziologie einfordert, eine deutliche Orientierung an naturwissenschaftlichen Exaktheitsansprüchen auf.[10] Es ist für ihn unerlässlich, dass sich der Soziologe wie der Naturwissenschaftler „angesichts von Tatsachen fühlt“, wenn er sich anschickt, jene sozialen Phänomene, die er zum Gegenstand seiner Untersuchungen macht, zu charakterisieren. Dazu gehört auch die unbedingte Bereitschaft, eine einmal getroffene Definition beständig und wiederholt am Widerstand empirischer Beobachtungen zu prüfen und sie gegebenenfalls neuen Befunden anzupassen.[11] Nur so kann Durkheims Ansicht nach gewährleistet werden, dass die soziologische Forschung von Anfang an in der Wirklichkeit verankert wird; dass die Charakterisierung und Klassifikation sozialer Tatsachen nicht einer subjektiven metaphysischen Vorstellung, sondern der Natur der Dinge entspricht und Behauptungen jederzeit von anderen überprüft und nachvollzogen werden können.[12]


Anmerkungen/ Literaturhinweise:

[1] Vgl. Durkheim, Émile, Die Regeln der soziologischen Methode, herausgegeben und eingeleitet von René König, 5. Auflage, Darmstadt 1976, S. 186f.

[2] Vgl. Ebd., S. 189.

[3] Durkheim spricht hier im französischen Original von “fait social”. In deutschen Texten sind neben der hier verwendeten Übersetzung “soziale Phänomene” die Bezeichnungen “sozialer Tatbestand” oder “soziale Tatsache” gebräuchlich.

[4] Vgl. Durkheim, Émile, Die Regeln der soziologischen Methode, S. 105.

[5] Vgl. Ebd., S. 103f; 115f.

[6] Vgl. Ebd., S. 115f.

[7] Vgl. Ebd., S. 116.

[8] Vgl. Ebd., S. 128.

[9] Ebd., 91.

[10] Vgl. Ebd., S. 90.

[11] Vgl. Ebd., S. 131f.

[12] Vgl. Ebd., S. 132.