Die Definition des Sozialen

Induktion und methodischer Zweifel dienen Durkheim – wie sich dem vorangehenden Blog-Post (Teil 2) entnehmen lässt – nicht nur als Garanten der wissenschaftlichen Wahrheitssicherung, sondern erweisen sich notwendigerweise auch für seine eigene Definition sozialer Phänomene als konstitutiv. Damit eine Definition objektiv genannt werden kann, so Durkheim, müsse sie die Phänomene mittels jener Merkmale, die aus ihrer Natur – sprich aus ihnen selbst – hervorgehen, und nicht aufgrund einer wie auch immer gefassten ideellen Anschauung, charakterisieren.[1] Zu einem Zeitpunkt, so Durkheim weiter, wo noch wenig über die Gestalt sozialer Phänomene bekannt sei, müsse zunächst nach den äußerlichsten und allgemeinsten Eigenschaften ihrer Erscheinung gesucht werden. Erst wenn diese erkannt sind, können auf ihrer Grundlage weitere differenziertere Klassifizierungen vorgenommen werden.[2]

Durkheims erster Schritt zu einer Charakterisierung des Sozialen beruht folglich in der Suche nach den allgemeinen und verbindenden Elementen individuellen Handelns, Denkens und Fühlens. Als Beispiele solcher allgemeinen Elemente nennt er unteranderen die Zeichensysteme, derer wir uns bedienen, um unsere Gedanken auszudrücken, die Geldsysteme, mit denen wir unsere Schulden bezahlen, die Sitten unserer Berufe, die Glaubenssätze unserer Religionen, die Pflichten, die wir als Bruder, Gatte oder Bürger erfüllen.[3] Das allgemeine Auftreten dieser Phänomene beruht dabei, seiner Meinung nach, nicht zuletzt darin, dass ihre Existenz dem Einzelnen vorausgeht, dass Menschen in sie hinein geboren werden und sie durch Erziehung übernehmen. Die Beobachtung, dass die Phänomene den Individuen vorausgehen, führt Durkheim wiederum zu der Annahme, dass sie außerhalb des individuellen Bewusstseins existieren müssen und nicht aus dem individuellen Handeln, Denken, Fühlen selbst hervorgehen.[4] Keines der genannten Phänomene, so schreibt er, geht vollständig in den Anwendungen auf, welchen die Einzelnen von ihnen machen.[5]

Ein weiteres gemeinsames Charakteristikum sozialer Phänomene ist, dass ihnen eine gebieterische Macht innewohnt, mit welcher sie sich den individuellen Handlungen, Denkvorgängen und Gefühlen aufdrängen. Sie konstituieren gewissermaßen einen äußeren Rahmen, welcher die, innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft legitimen, Möglichkeiten individuellen Handelns, Denkens und Fühlens eingrenzt.

Der kollektive Rahmen, in den die Individuen eingebettet sind, konstituiert sich, wie Durkheim weiter ausführt, nicht nur aus expliziten Normen, sondern umfasst ebenso auch weitaus implizitere Denk- und Handlungsgewohnheiten, wie z.B. öffentliche Meinungen.[6] Letztere, von Durkheim auch als ‚soziale Strömungen‘ bezeichnet, unterscheiden sich von ersteren nur durch einen graduell geringeren Grad der Konsolidierung.[7] Der Umstand, dass die zwingende Verbindlichkeit verinnerlichter Meinungen und Gewohnheiten nicht ebenso deutlich empfunden wird wie die Verbindlichkeit äußerer Normen, dürfe nicht zu der fälschlichen Annahme führen, dass der Druck, den sie auf den einzelnen ausüben in irgendeiner Weise geringer sei.[8] Durch die Beobachtung von Prozessen der Erziehung ließe sich nachweisen, dass kollektive Denk- und Handlungsgewohnheiten, den Individuen ebenso äußerlich – da anerzogen – seien, wie explizite Regeln und Normen. Sie seien ebenso allgemein verbindlich und vom individuellen Gebrauch ebenso unabhängig.[9] Die angestrebte allgemeine Charakterisierung sozialer Phänomene, darf auf den Grad ihrer Konsolidierung also – zumindest vorläufig – keine Rücksicht nehmen.

Zusammenfassend definiert Durkheim soziale Phänomene daher als jene mehr oder minder festgelegten Arten des Fühlens, Denkens oder Handelns, welche die Fähigkeit besitzen, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben, im Bereiche einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftreten und ein von ihren individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben führen.[10] Auffällig an Durkheims Definition sozialer Phänomene ist dabei, wie sehr ihre zentralen Elemente: Allgemeinheit, Äußerlichkeit, Zwanghaftigkeit und Unabhängigkeit, auf einander referieren, wie sehr sie sich gegenseitig stützen und in ihrer Erklärung bedingen. Paradox formuliert sind soziale Phänomene Element aller individuellen Handlungen, Gedanken und Gefühle, da sie kollektiv sind; und sie sind kollektiv, da sie sich in allem Individuellen äußern. Sie sind Zustände der Gruppe, Resultate des Gemeinschaftslebens, die sich im Einzelnen wiederholen, weil sie sich ihm aufdrängen.[11]

Die Begründung der Eigenständigkeit sozialer Phänomene

Über seine Definition des Sozialen als Kollektivphänomen konstituierte Durkheim einen spezifischen Gegenstand der Soziologie, der sich bisher gängigen psychologischen und biologischen Erklärungsmodellen weitgehend entzieht. Die unter seinen gesellschaftstheoretischen Vorgängern und Zeitgenossen weit verbreitete Vorstellung, dass Existenz und Form der Gesellschaft aus elementaren biologischen und/oder psychologischen Bedürfnissen des Menschen resultieren, weist er entschieden zurück. Es sei falsch, wie Auguste Comte oder Herbert Spencer anzunehmen, dass soziale Phänomene in ihrer Totalität bloß eine Entfaltung der menschlichen Natur und letztlich im natürlichen Trieb zu immer größerer körperlicher und geistiger Vollkommenheit begründet seien.[12]

Auch wenn es durchaus richtig sei, dass die physische und psychische Verfasstheit Einfluss auf das individuelle Denken und Handeln nehme, so sei es ebenso irrig, daraus die kollektive Verfasstheit sozialer Phänomene herzuleiten, wie den biologischen Tatbestand der Lebendigkeit eines Organismus aus seinen anorganischen Bestandteilen erklären zu wollen.[13]

Auch eine Zelle, so Durkheims Erläuterung, bestehe aus Molekülen unbelebter Materie und doch sei ihre Lebendigkeit eine Eigenschaft, die nur im Ganzen und nicht in den einzelnen assoziierten Elementen aufzufinden sei. Ein Ganzes sei eben nicht mit den Teilen identisch, aus denen es sich zusammensetzt, sondern es sei eine Entität eigener Art mit eigenen Eigenschaften. Wenn dieses Prinzip für einzelne Organismen gelte, so zeigt sich Durkheim überzeugt, müsse es auch für die Gesellschaft, vorgestellt als eine Art Supraorganismus, gelten. [14]

„Kraft dieses Prinzips ist die Gesellschaft nicht bloß eine Summe von Individuen, sondern das durch deren Verbindung gebildete System stellt eine spezifische Realität dar, die einen eigenen Charakter hat. Zweifellos kann keine kollektive Erscheinung entstehen, wenn kein Einzelbewusstsein vorhanden ist; doch ist diese notwendige Bedingung allein nicht ausreichend. Die einzelnen Psychen müssen noch assoziiert, kombiniert und in einer bestimmten Art kombiniert sein; das soziale Leben resultiert als aus dieser Kombination und kann nur aus ihr erklärt werden. Indem sie zusammentreten, sich durchdringen und verschmelzen, bringen die individuellen Psychen ein neues, wenn man will psychisches Wesen hervor, das jedoch eine psychische Individualität neuer Art darstellt.“[15]

Kollektive, Gruppen, Gesellschaften, denken, fühlen, handeln anders, als es ihre Glieder in der Isolation tun würden. Von den einzelnen Individuen ausgehend können die Vorgänge in der Gruppe, Durkheim zufolge, daher weder richtig erfasst noch verstanden werden. [16] Nur weil individuelles Tun, etwas Soziales in sich trage, sei es noch lange nicht mit dem Sozialen selbst gleichzusetzen.[17] Jedes Mal wenn ein soziale Phänomen durch ein individuelles, psychologisches oder biologisches Phänomen erklärt werde, könne man daher gewiss sein, dass diese Erklärung falsch sei.[18] Für eine wirklich wissenschaftliche Erklärung des Sozialen müssten folglich die sozialen Phänomene selbst in den Blick genommen werden und nicht das Substrat aus denen sie sich zusammensetzen.


Anmerkungen/ Literaturhinweise:

[1] Vgl. Durkheim, Émile, Die Regeln der soziologischen Methode, herausgegeben und eingeleitet von René König, 5. Auflage, Darmstadt 1976, S. 131.

[2] Vgl. Ebd., S. 131f.

[3] Vgl. Ebd., S. 105.

[4] Vgl. Ebd., S. 105f.

[5] Vgl. Ebd., S. 110f.

[6] Vgl. Ebd., S. 107.

[7] Vgl. Ebd., S. 107; 114.

[8] Vgl. Ebd., S. 109. Der Zwang der von den sozialen Phänomenen ausgeht, ist nach Durkheims Konzeption nicht vollständig deterministisch. Sich ihm zu entziehen, ist zwar nicht grundsätzlich unmöglich, erfordert jedoch stets die Überwindung erheblicher Widerstände. „Es gibt“, so Durkheim, „keinen Neuerer, nicht einmal einen erfolgreichen, dessen Unternehmungen nicht auf Widerstände dieser Art stoßen.“ Vgl. Ebd. S. 106f.

[9] Vgl. Ebd., S. 108.

[10] Vgl. Ebd., S. 114.

[11] Vgl. Ebd., S. 111.

[12] Vgl. Ebd., S. 183ff. Siehe auch: Durkheim, Émile, Einführung in die Sozialwissenschaft. Eröffnungsvorlesung von 1887-1888, in: Ders.: Frühe Schriften zur Begründung der Sozialwissenschaft, (= Soziologische Texte, neue Folge 122), herausgegeben, eingeleitet und übersetzt von Lore Heisterberg, Darmstadt 1981, S.25-53.

[13] Vgl. Durkheim, Émile, Die Regeln der soziologischen Methode, S. 186.

[14] Vgl. Ebd., S. 186f.

[15]Ebd., S. 187.

[16] Vgl. Ebd., S. 188.

[17] Vgl. Ebd., S. 111.

[18] Vgl. Ebd., S. 188.