Das Normale und das Pathologische

Wie aus dem vorherigen Blog-Post (Teil 3) ersichtlich wird, ist Durkheims Bruch mit seinen gesellschaftstheoretischen Vorgängern, trotz seiner polemischen Kritik ihrer methodischen Mängel und seiner radikalen Zurückweisung anthropologischer Erklärungsversuche menschlicher Gesellschaften, keineswegs absolut. In seinem Bemühen, das individuelle menschliche Subjekt und seine spezifischen Bedürfnisse aus den soziologischen Erklärungsstrategien zu verbannen, etabliert er parallel dazu die Gesellschaft, als ein neues physisches und psychisches Kollektivsubjekt, das als solches wiederum zum Objekt biologiesierender und psychologisierender Untersuchungen gemacht werden kann.

Entscheidend ist hierbei Durkheims feste Überzeugung, dass sich der strukturelle Aufbau von Gesellschaften grundsätzlich analog zu dem von Organismen verhält. Beide, Gesellschaften wie auch Organismen, werden als eine suprakomplexe Gesamtheit komplexer Elemente verstanden, wobei die erste Begriffskette, Organismus – Organ – Zelle, als Vorbild für eine zweite Begriffskette, Gesellschaft – soziales Phänomen – Individuum, dient.[1] So geht Durkheim davon aus, dass soziale Phänomene analog zu Organen, eine jeweils spezifische Funktion erfüllen, d.h. sie erzeugen eine Wirkung, die für die Gesellschaft als Kollektiv nützlich ist, da sie ihre Existenz bzw. ihren Fortbestand ermöglichen. Eine Soziologie, die nicht nur esoterische Lehre, sondern auch praxisrelevante Wissenschaft sein wolle, müsse also Methoden entwickeln, die sie in die Lage versetze, diese Funktionen zu erklären und zu beurteilen. Tatsächlich, so Durkheim, sei jede Wissenschaft sinnlos und unvollkommen, wenn sie sich auf eine objektive Beschreibung der Tatbestände beschränke, ohne anschließend Überlegungen anzustellen, wie diese auf die Lebensbedingungen einer gegebenen Gesellschaft einwirken und ob ihre Wirkungen funktional förderlich seien oder nicht.[2]

Wie Durkheim eingesteht, ist solch eine Beurteilung nicht unproblematisch. Zu vermeiden sei vor allem, dass die Beurteilung der positiven oder negativen Wirkung sozialer Phänomene, von ideologischen Standpunkten abhängig gemacht werde.[3] Den Ideologien sei zuzuschreiben, dass die gleichen Phänomene, je nach persönlicher Stimmung, mal als heilsam, mal als verderblich dargestellt worden seien. Statt vorschnell zum Wesen der Phänomene vordringen zu wollen, gelte es also, ein objektives, da einfaches und unmittelbar fassbares, Kennzeichen ihrer Differenzierung zu finden.[4] Der erste Schritt zu einer solchen Differenzierung, dass jedes soziologische Phänomen, gleich jedem biologischen, in der Lage sei, je nach Umständen, in zwei verschiedenen Spielarten aufzutreten, ohne dass sich sein Wesen selbst verändere.[5]

In der ersten Spielart trete das Phänomen, in einer gegebenen Gesellschaftsgattung allgemein auf. Selbst wenn sich seine Erscheinungen nicht überall, wo man sie beobachte identisch zeigten, so hielten sich die Variationen doch in sehr engen Grenzen. In der zweiten Spielart könne das Auftreten desselben Phänomens, eher nur eine gesellschaftliche Ausnahme darstellen. Selbst dort wo es auftrete, tue es dies nur räumlich und zeitlich begrenzt. Die Formen der ersten Spielart nennt Durkheim schließlich normal, die anderen krankhaft/pathologisch, wobei normal mit funktional und pathologisch mit dysfunktional gleichgesetzt wird.[6]

In Durkheims Konstitution der Beziehung zwischen Gesellschaften und sozialen Phänomenen zeigt sich somit deutlich eine Analogie zu der evolutionären Beziehung zwischen Organismen und Organen. So wie sich die spezifische Form eines Organs in einer Gattung von Organismen evolutionär durchzusetzen und allgemein zu verbreiten beginnt, da sie eine bessere Anpassung an dessen Lebensbedingungen ermöglicht, so setzen sich auch spezifische Spielarten von sozialen Phänomenen allgemein durch, wenn sie für eine gegebene Gesellschaftsgattung funktional sind.[7] Dysfunktionale Formen des gleichen Phänomens hingegen verbreiten sich nicht und sterben aus. Im Umkehrschluss dieser Analogie wiederum lässt sich, Durkheim zufolge, also die Beobachtung einer allgemeinen Verbreitung einer spezifischen Form sozialer Phänomene als ein erstes Kriterium für die Beurteilung ihrer Normalität/Funktionalität annehmen. Normal erscheint ihm das, was durchschnittlich bei allen Gesellschaften eines Gattungstyps auftritt.[8]

Für eine wirklich objektive Beurteilung reicht Durkheim dieses Kriterium allein jedoch nicht aus. In Perioden des evolutionären Übergangs könne der Fall auftreten, dass die allgemeine verbreitete Form eines sozialen Phänomens pathologisch sei, da sie auf Bedingungen referiere, die bereits nicht mehr gegeben sein. Ebenso könne es zutreffen, dass sich seltene Erscheinungsformen eines Phänomens als funktional und somit nicht als pathologisch, sondern als Vorboten einer neuen Normalität erweisen.[9] Zur Beurteilung der Normalität eines sozialen Phänomens müsse also nicht nur seine allgemeine Verbreitung festgestellt werden, sondern darüber hinaus auch untersucht werden, ob die Bedingungen, die zu dieser allgemeinen Verbreitung geführt haben, weiterhin gegeben seien.[10] Die Differenzierung normal/pathologisch könne nicht abstrakt für ein soziales Phänomen an sich, sondern nur für eine bestimmte Spielart seiner Erscheinung, in Kenntnis ihrer Ursachen und in Korrelation zu einem bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsstand getroffen werden.[11]

Aufgrund der Missachtung dieser elementaren Regeln, so Durkheim, sei der Stand an verlässlichem Wissen bisher erschreckend gering. In ihrer Fähigkeit zur objektiven Analyse der Normalität/Pathologie bzw. Funktionalität/ Dysfunktionalität sozialer Phänomene, zeige sich somit letztlich die unbedingte Praxisrelevanz der Soziologie. Das durch sie zu schaffende Wissen, so Durkheims Überzeugung, werde es z.B. zukünftigen Staatsmännern ermöglichen, emanzipiert von allen Ideologien, einem Arzt gleich, den Normalzustand zu erhalten bzw. ihn durch eine angemessen Hygiene wieder herzustellen.[12]

In Anlehnung an seine Semantik von Gesundheit und Krankheit, bzw. Normalität und Pathologie, konstituiert Durkheim somit letztlich das gesellschaftliche Kollektivsubjekt zum medizinischen Patienten dessen körperliche und geistige Verfassung einer objektiven wissenschaftlichen Diagnose durch die Soziologie, zugänglich gemacht werden kann und muss.


Anmerkungen/ Literaturhinweise:

[1] Vgl. Lehmann, Jennifer, M., Deconstructing Durkheim. A post-post-structuralist critique, London/New York, 1993, S.15ff.

[2] Vgl. Durkheim, Émile, Die Regeln der soziologischen Methode, herausgegeben und eingeleitet von René König, 5. Auflage, Darmstadt 1976, S. 141f.

[3] Vgl. Ebd. S. 142.

[4] Vgl. Ebd. S. 147.

[5] Vgl. Ebd. S. 147f.

[6] Vgl. Ebd. S. 148.

[7] Vgl. Ebd. S. 148, S. 151.

[8] Vgl. Ebd. S. 148f, S. 150.

[9] Vgl. Ebd. S. 152.

[10] Vgl. Ebd. S. 152f.

[11] Vgl. Ebd. S. 149. Durkheim verdeutlicht diese Gedankengänge am Beispiel des Verbrechens – verstanden als Verstoß gegen einen kollektiven moralischen Zwang. Kaum ein soziales Phänomen sei von Forschern verschiedenster ideologischer Standpunkte so einstimmig für pathologisch erklärt worden, wie das Verbrechen – und, so ließe sich ergänzen, kaum eine Einschätzung könnte weniger zutreffen. Erstens wiederspräch diese Beurteilung dem, historisch und ethnografisch bestens belegten, allgemeinen Auftreten von Verbrechen in allen bekannten Gesellschaftsformen. Und zweitens ließen sich ebenso einfach Situationen aufweisen, in denen sich spezifische Verbrechen als gesellschaftlich funktional erwiesen hätten. Als Beleg führt Durkheim hier unter anderem Sokrates an, der, nach den Maßstäben des athenischen Rechts als Verbrecher, in seinem unabhängigen Denken und Wirken Vorbote einer moralischen Weiterentwicklung gewesen sei, deren das Kollektiv Athen dringend bedurfte. Im Falle Sokrates habe sich das Verbrechen letztlich sogar als notwendiges Korrektiv zu einer pathologischen, da überholten und den gesellschaftlichen Lebensbedingungen nicht mehr angemessenen Moral erwiesen. Vgl. Ebd. S. 156ff.

[11] Vgl. Ebd. S. 162.