Zur Klassifikation menschlicher Gesellschaften

Um den von Durkheim erhobenen Anspruch einer funktionalen Beurteilung sozialer Phänomene, bzw. ihrer Erscheinungen erfüllen zu können (siehe Teil 4), muss die Soziologie notwendiger Weise in der Lage sein, wissenschaftliche Aussagen über den evolutionären Verlauf gesellschaftlicher Entwicklungen zu treffen. Ohne Klassifikation von Gesellschaftstypen als Vergleichsbasis, und ohne Kenntnis ihrer Entwicklungsfolge scheint Durkheim jede verlässliche Aussage über die Funktionalität/Dysfunktionalität sozialer Phänomene unmöglich.

In logischer Weiterführung der vorangehenden Überlegungen orientiert sich Durkheims gesellschaftliches Klassifikationsmodell am Vorbild biologischer Evolutions-theorien. Er folgt damit letztlich einem der vorherrschenden, gesellschaftstheoretischen Trends seiner Zeit.[1]

Ähnlich wie z.B. Herbert Spencer zeigt sich auch Durkheim überzeugt, dass die soziale Struktur von Gesellschaften, gleich der von Organismen, aus der Aggregation und Vereinigung vorangehender Strukturen resultiert.[2] Alle Gesellschaften basieren entsprechend dieser Vorstellung auf einem einfachen Urtyp, der durch das völlige Fehlen jeglicher Form von Ausdifferenzierung charakterisiert ist. Durkheim glaubt nun weiter, die „Horde” als diesen gesellschaftlichen Urtyp identifizieren zu können. Die Horde so führt er aus, sei

„(…) ein soziales Aggregat, das in seinem inneren kein elementares Aggregat umfasst noch auch je eines umfaßt hat und das unmittelbar in Individuen zerfällt.”[3]

Die Form solcher einfachen Gesellschaft bezeichnet Durkheim daher auch als ‚monosegmentär‘. Komplexere ‚polysegmentäre‘ Gesellschaften entstehen seiner Ansicht nach schließlich dadurch, dass sich diese monosegmentären Gesellschaften zu größeren Einheiten zusammenschließen – wobei der Verschmelzung zu einer neuen Einheit oftmals Phasen eher lockerer Verbindungen voraus gehen.[4] Entsprechend der Anzahl und Verknüpfungsform ihrer Segmente lassen sich somit verschiedene Gesellschaftstypen und Entwicklungsstufen differenzieren. Der kontinuierlichen Weiterentwicklung von einfachen zu immer komplexeren Gesellschaften sind dabei, Durkheims Vorstellungen nach, keine Grenzen gesetzt.[5]

Wenn jede Gesellschaft aus der Kombination vorangehender Gesellschaften und somit letztlich auf der gleichen Urgesellschaft hervorgehe, so Durkheim weiter, müsse die Zahl möglicher Kombinationen auf jeder Entwicklungsstufe notwendigerweise begrenzt sein. Schließlich könnten sich Gesellschaften ein und desselben Typs mit ihres gleichen nur in einer beschränkten Zahl von Formen kombinieren. Gesellschaften der gleichen Entwicklungsstufe, die aus den gleichen segmentären Kombinationen resultieren, klassifiziert Durkheim daher, in Anlehnung zur Biologie, als Art.[6] Sei es erst einmal gelungen nicht nur Typen, sondern darüber hinaus auch soziale Arten, zu klassifizieren, so zeigt sich Durkheim überzeugt, sei dies für die Soziologie eine enorme Arbeitserleichterung, da alle Gesellschaften einer Art, abgesehen von geringen Abweichungen, hinsichtlich ihrer Merkmale konstant gleich seien.[7]

Ein entscheidender Unterschied zwischen den Arten der Biologie und denen der Soziologie, so gibt Durkheim zu bedenken, bestünde allerdings darin, dass die Eigenschaften soziologischer Arten nicht vererbbar seien. Neu entstandene Gesellschaften, so Durkheim, gehörten regelmäßig einer anderen Art an, als diejenigen aus denen sie hervorgegangen sind, weil jede neue Kombination ganz eigene Merkmale hervorbringe. Nur Kolonialgesellschaften könnten Eigenschaften ihrer Ursprungsgesellschaften erben, allerdings auch nur solange, wie sie sich nicht mit irgendeiner, bereits bestehenden, Gesellschaft anderer Art oder Varietät vermischen.[8]


Anmerkungen/ Literaturhinweise:

[1] Vgl. Durkheim, Émile, Einführung in die Sozialwissenschaft. Eröffnungsvorlesung von 1887-1888, in: Ders., Frühe Schriften zur Begründung der Sozialwissenschaft, (= Soziologische Texte, neue Folge 122), herausgegeben, eingeleitet und übersetzt von Lore Heisterberg, Darmstadt 1981, S. 36ff.

[2] Vgl. Durkheim, Émile, Die Regeln der soziologischen Methode, herausgegeben und eingeleitet von René König, 5. Auflage, Darmstadt 1976, S. 169f.

[3] Ebd., S. 170.

[4] Vgl. Ebd., S. 171f. So differenziert Durkheim z.B. zwischen “einfachen polysegmentären Gesellschaften“, wie dem Clan, in dem sich mehrere monosegmentäre Horden verbinden ohne ineinander aufzugehen, von “einfachen zusammengesetzten polysegmentären Gesellschaften” in denen die ursprünglichen Einheiten eine so enge Verbindung eingegangen sind, dass sie allein nicht mehr lebensfähig wären. Angenommen wird zudem, dass die einfache polysegmentäre Gesellschaft eine Vorstufe der einfachen zusammengesetzten polysegmentären Gesellschaften bildet.

[5] Vgl. Ebd., S. 172.

[6] Vgl. Ebd., S. 173f.

[7] Vgl. Ebd., S. 168f., S. 174, S. 176.

[8] Vgl. Ebd., S.174.