Methodische Konstitution des Forschungsprogramms II – Erklären und Beweisen

Nachdem in den letzten drei Blog-Post (siehe Teil 3, Teil 4 und Teil 5) vorrangig Durkheims ontologische Konstitution sozialer Gesellschaften als “natürliche” Organismen analysiert wurde, möchte ich mich nun wieder mehr der Methodik zuzuwenden.

Wie bereits für die Ebene des Beschreibens aufgezeigt wurde, (siehe Teil 2) zeigen sich Ontologie und Methode eng miteinander verknüpft. Einerseits, so Durkheims Credo, verlange eine an der Empirie orientierte, objektive Methodik, soziale Phänomene wie natürliche Phänomene zu behandeln, andererseits sieht er sich durch die Objektivität der Methode wiederum in seiner These von der organischen Natur der sozialen Phänomene gestützt. Die Objektivität der Methode dient ihm als Wahrheitsgarant seiner Aussagen und muss folglich nicht nur bei der Beschreibung des “inneren sozialen Milieus”[1] einer Gesellschaft, sondern auch bei den Folgeschritten stets gewahrt bleiben.

Bevor zur Beurteilung des “inneren sozialen Milieus” übergegangen werden kann, bedarf es seiner ursächlichen Erklärung, also eines Nachweises, dass die angenommenen Verhältnisse zwischen “innerem” und “äußerem Milieu”[2] tatsächlich den empirischen Gegebenheiten entsprechen. Da die Erfahrung zeige, dass sich soziale Phänomene im Zuge historischer Entwicklungen von ursprünglich gegebenen Funktionen emanzipieren könnten, müsse jeder Versuch, die Funktionalität/Dysfunktionalität eines Phänomens ohne Kenntnis seiner evolutionären Entstehungsbedingungen erklären zu wollen, zwangsläufig scheitern.[3] Entsprechend der Regeln objektiver Beweisführung muss also die Erklärung der Ursachen der Untersuchung und Beurteilung der Funktion vorausgehen.

Um den Anspruch der Objektivität zu erfüllen, muss der erste Schritt einer jeden Erklärung in dem kausalen Beweis liegen, dass die Beschaffenheit der sozialen Phänomene einer gegebenen Gesellschaft notwendigerweise kausal aus ihrer Beschaffenheit in vorangehenden Gesellschaften resultiert. Da der Soziologie hierbei, anders als der Biologie, eine direkte Beweisführung durch Experimentieren unter konstanten Laborbedingungen nicht möglich sei, bleibe ihr nichts anderes übrig, als ihre Beweise indirekt über den Vergleich zu erbringen.[4]

Die größte Beweiskraft, so Durkheim weiter, erbringe ein Vergleich von “Konkomitanzen”, also parallel verlaufender Variationen. Es könne praktisch keine bessere Grundlage für die Annahme einer Kausalbeziehung geben, als die Beobachtung, dass sich die Variationen eines sozialen Phänomens, in ihrer historisch evolutionären Entwicklung, parallel zu den Variationen eines anderen Phänomens vollziehen.[5] Denn:

„Sobald man erwiesen hat, daß bei einer gewissen Zahl von Fällen zwei Phänomene eins mit dem anderen variieren, kann man gewiß sein, daß man einem Gesetz gegenübersteht.“ [6]

Allerdings, so räumt Durkheim ein, sei die Beobachtung regelmäßiger paralleler Variationen allein, für die Annahme einer Kausalbeziehung nicht hinreichend und daher eine Interpretation mittels deduktiver Hypothesen unumgänglich.[7] Dies bedeute jedoch nicht, dass Kausalbeziehungen in der Soziologie nicht objektiv feststellbar seien. Die zunächst deduktive angenommene Kausalbeziehung zwischen der Variation zweier Phänomen, müsse nur anschließend an der Empirie, also an weiteren Vergleichen, verifiziert werden. Kausalität sei gegeben, sobald empirisch ausgeschlossen werden könne, dass weitere Phänomene auf die Beziehung Einfluss nähmen.[8] Um wirklich beweiskräftige Aussagen treffen zu können, so Durkheim, dürften also nicht einzelne isolierte Phänomene verglichen werden, sondern es gelte, anhand des empirischen Datenmaterials möglichst ausgedehnte und umfassende Variationsreihen zu bilden, um induktiv die zu Grunde liegenden natürlichen Gesetzmäßigkeiten ableiten zu können.[9]

Erst wenn genügend empirisches Material vorhanden sei, um die “soziale Morphologie” menschlicher Gesellschaften, ihrer inneren sozialen Milieus und Phänomene, entlang ihrer Kausalbeziehungen nachzeichnen zu können, könne im zweiten Schritt zur funktionalen Analyse übergegangen werden. Denn nur unter hinreichender Kenntnis der Existenzbedingungen des Gesellschaftsorganismus ‚als Ganzes‘ könne objektiv ausgeschlossen werden, dass spezifische Spielarten eines sozialen Phänomens nicht einer vorhergehenden Entwicklungsstufe geringerer Komplexität geschuldet und somit für das neue Gesamtkollektiv möglicherweise inzwischen dysfunktional und pathologisch seien.[10]


Anmerkungen/ Literatur:

[1] Durkheims Begriff des “inneren sozialen Milieus” umfasst, in Analogie zum inneren Milieu des Organismus, die Summe der zu einer Gesellschaft assoziierten Segmente und der spezifischen Spielarten der ihnen eigenen und sie stabilisierenden sozialen Phänomene. Entscheidend ist hierbei die Vorstellung, dass (pathologische) Veränderungen in der Struktur eines Segments sich auch auf die Gesellschaft als Gesamtorganismus auswirken und somit die anderen Gesellschaftssegmente zur Anpassung zwingen. Vgl. Durkheim, Émile, Die Regeln der soziologischen Methode, herausgegeben und eingeleitet von René König, 5. Auflage, Darmstadt 1976, S. 194ff.

[2] Mit dem Begriff des “äußeren sozialen Milleus” bezeichnet Durkheim wiederum jene Teile der Umwelt einer Gesellschaft oder auch eines Gesellschaftssegments, die ihrerseits aus  anderen Gesellschaften und  Gesellschaftssegmenten, bzw.  den diesen eigenen sozialen Phänomenen bestehen. Vgl. Ebd. S. 198.

[3] Vgl. Ebd. S. 178; S. 200.

[4] Vgl. Ebd. S. 205.

[5] Vgl. Ebd. S. 209.

[6] Ebd. S. 212.

[7] Vgl. Ebd. S. 210.

[8] Es reiche beispielweise, so Durkheim nicht aus, festzustellen, dass die Selbstmordrate parallel zu der Höhe der Schulbildung steigt und fällt. Bevor daraus die wenig nahe liegende Hypothese abgeleitet würde, dass eine höhere Schulbildung zu einer höheren Selbstmordrate führe, müsse überprüft werden, ob es keine weiteren Phänomene auf die beobachtete Entwicklung Einfluss nähmen. Tatsächlich ließe sich anhand weiterer Beobachtungen nachweisen, dass die Variationen beider Phänomene keineswegs voneinander abhängen, sondern Resultat eines dritten Phänomens, der Abschwächung des religiösen Traditionalismus, seien. Dies führe zu der neuen Hypothese, dass in dem Maße, wie die religiöse Tradition ihre Wirkmacht verliere, sowohl das Bedürfnis nach Wissen wie auch der Hang zum Selbstmord ansteige. Vgl. Ebd. S. 210f.

[9] Vgl. Ebd. S. 213.

[10] Vgl. Ebd. S. 177f.