Zusammenfassung und abschließende Überlegungen

Wie aus der vorangehenden Blog-Posts ersichtlich wird, bestand ein zentrales Anliegen Durkheims darin, Wege zu finden wie sich Verfasstheit und Entwicklung menschlicher Gesellschaften und der ihnen zugrunde liegenden sozialen Phänomene, objektiv beschreiben, erklären und beurteilen lassen. Soll der Anspruch der Objektivität erfüllt werden, so ist es für Durkheim unumgänglich, dass sich die Soziologie von der Philosophie, ihren metaphysischen Konzepten und utopischen Ideen, emanzipiere. Der Anspruch wissenschaftlicher Exaktheit gebiete es, dass sich der Soziologe, entsprechend naturwissenschaftlicher Vorbilder, von allen subjektiven Vorstellungen befreie und seinem Gegenstand unvoreingenommen gegenübertrete. Nur durch ‚Faktenorientierung‘ und ‚Tatsachenblick‘, sowie die unbedingte Bereitschaft jede These wiederholt am Widerstand empirischer Beobachtungen zu überprüfen, könne garantiert werden, dass eine gegebene Beschreibung der tatsächlichen Natur der Dinge entspreche. Die unbedingte Objektivität der Methode, ist demnach das entscheidende Mittel der wissenschaftlichen Erkenntnissicherung, welches für den Wahrheitsgehalt aller getroffenen Aussagen garantiert. Die Begriffe Wissenschaft und Objektivität werden dabei in Durkheims Forschungsprogramm so eng verbunden, dass sie nicht voneinander zu trennen sind. Zur Wissenschaft zu gehören, setzt voraus über eine objektive Methode zu verfügen.

Im Streben nach Objektivität und der Abkehr von philosophischen Denktraditionen differenziert sich Durkheims soziologisches Forschungsprogramm jedoch nicht grundlegend von den parallelen Emanzipationsbestrebungen anderer Sozial- und Humanwissenschaftlicher Disziplinen und Forschungsfelder. Vor dem Hintergrund von Lutz Raphaels These einer, im 19. Jahrhundert einsetzenden, ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ scheint Durkheim hier eher einem bereits vorherrschenden Trend zu folgen, ohne wesentliche neue Gedankenschritte hinzufügen.

Entscheidender für Durkheims Konstitution der Soziologie als eigenständiger Disziplin, scheint vielmehr seine Überzeugung, entlang objektiver Beobachtungen, spezifische Phänomene ausmachen zu können, die sich den Erklärungsansätzen verwandter Disziplinen, wie z.B. Psychologie oder Ökonomie, weitgehend entziehen. Indem er diese sozialen Phänomene als äußerlich und von ihren individuellen Anwendungen unabhängig beschreibt, vollzieht er einen entscheidenden Perspektivwechsel, welcher – wie im ersten Blog-Post (Teil 1) bereits erläutert – zu einem zentralen Punkt in der Aushandlung soziologischer Selbstverständnisse geworden ist. Gegenstand soziologischer Unter-suchungen haben entsprechend dieses Perspektivwechsels nicht länger einzelne Individuen, sondern jene kollektiv erzeugten Phänomene zu sein, welche die Elemente der gesellschaftlichen Verfassung abbilden.

Der Umstand des Perspektivwechsels bedeutet dabei nicht, dass Durkheims Forschungs-programm keine Kontinuitäten zu seinen Vorgängern aufweist. Trotz der Zurückweisung jeglicher metaphysischer und moralischer Vorannahmen aus den soziologischen  Erklärungsstrategien, liegt es Durkheim beispielsweise fern, den Anspruch einer Beurteilung der beobachteten Phänomene, entsprechend ihrer Normalität/Pathologie, bzw. Funktionalität/Dysfunktionalität, aufgeben zu wollen. Um Objektivität gewährleisten zu können, sei es jedoch notwendig, sich bei der Beurteilung nicht von normativen Idealen, sondern allein von den gegebenen Tatsachen leiten zu lassen. Maßstab der Beurteilung könne einzig in der Beobachtung liegen, ob ein bestimmtes Phänomen in seiner gegenwärtigen Erscheinungsform für das Gelingen des gesellschaftlichen Lebens selbst – unabhängig von möglichen negativen Effekten auf einzelne Individuen – förderlich sei oder nicht.

Jede Beurteilung eines sozialen Phänomens setzt, Durkheim zufolge, eine Erklärung der kausalen Entstehungsbedingungen voraus. Nur wenn nachgewiesen könne, dass die Bedingungen, welche die spezifische Form eines Phänomens hervorgebracht haben, weiterhin gegeben sind, könne eine Pathologie objektiv ausgeschlossen werden. In Orientierung an Auguste Comte und Herbert Spencer entwirft Durkheim daher ein naturalistisch-evolutionäres Entwicklungsmodell menschlicher Gesellschaften, das er seinen kausalen Erklärungen zugrunde legt – wobei er, entsprechend seines Perspektivwechsels, den Motor dieser evolutionären Entwicklung jedoch nicht in den menschlichen Bedürfnissen, sondern dem inneren sozialen Milieu selbst gegeben sieht. Erst wenn die objektiven Gesetzmäßigkeiten der genetischen Morphologie eines spezifischen sozialen Phänomens, über den Vergleich konkomitanter Variationen, aufgedeckt worden seien, könne im zweiten Schritt zur funktionalen Analyse übergegangen werden. Nur in dem die Soziologie diese methodischen Schritte verinnerlicht und konsequent befolge, könne sie „den Dingen ihr Geheimnis entreißen.“ [1]

Zusammenfassend sieht Durkheim die Eigenständigkeit der Soziologie als wissenschaftliche Disziplin also in zwei, eng miteinander verbundenen Differenzierungsschritten begründet: In der Entwicklung objektiver Methoden, Faktenorientierung und empirischem Tatsachenblick, habe sie sich, erstens, von der metaphysischen Philosophie gelöst. Zweitens habe die Soziologie – als Konsequenz dieser Distanzierung – das Individuum aus ihren Erklärungsstrategien verbannt und sich damit auch von den anderen ‚Sozial‘- und ‚Humanwissenschaften‘ emanzipiert. Die Soziologie könne also folglich nicht länger als Annex irgendeiner anderen Wissenschaft gesehen werden.[2] In der Konstitution der sozialen Phänomene als klar abgrenzbaren und spezifischen Gegenstand soziologischer Untersuchungen und der Forderung ‚Soziales nur aus Sozialem zu erklären’, schafft Durkheim einen Topos, welcher von seinen Nachfolgern wiederholt aufgegriffen wurde und sich – trotz aller Kritik – für die Aushandlung des disziplinären Selbstverständnisses der Soziologie bis heute als Wirkmächtig erweist.


Anmerkungen/ Literatur:

[1] Durkheim, Émile, Die Regeln der soziologischen Methode, herausgegeben und eingeleitet von René König, 5. Auflage, Darmstadt 1976, S. 220.

[2] Vgl. Ebd., S. 221.