„Alte Identitäten, die die soziale Welt lange stabilisiert haben, sind im Niedergang begriffen, machen neuen Identitäten Platz, das moderne Individuum als einheitliches Subjekt wird fragmentiert (…)“[1]

Mit diesen Worten beschreibt Stuart Hall in „Die Frage der kulturellen Identität“ einen umfassenden Wandlungsprozess, der in eine „Krise der Identität“ in den modernen Gesellschaften mündet. Ausgelöst durch den strukturellen Wandel des 20. Jahrhunderts, werden in der Moderne die bisherigen Bezugspunkte und kulturellen Landschaften der Identitäten, bestehend aus Klasse, Geschlecht, Sexualität, Ethnizität, Religion, “Rasse” und Nationalität, fragmentiert und transformiert.[2] Hall hat hier besonders die Nation als einen der vorrangigen kulturellen Bezugspunkte bürgerlicher Selbstvor- und Selbstdarstellung im Blick, welche durch die modernen Vernetzungs- und Verschmelzungsprozesse der Globalisierung in Bedrängnis geraten ist. Es findet eine doppelte Verschiebung der Selbstwahrnehmung statt, welche das moderne Individuum sowohl

„(…) in bezug (sic!) auf ihren Ort in der sozialen und kulturellen Welt als auch in bezug (sic!) auf sich selbst dezentriert.“ [3]

Unklar ist bei Hall allerdings, wie umfassend und wie vollständig sich dieser Prozess der Transformation vollzieht. Hall beschreibt vielmehr ein Ringen um nationale und individuelle Identitäten, das noch nicht ausgefochten ist, sondern noch immer machtvoll tobt. Während sich einerseits nationale Identitäten auflösen oder zu neuen Identitäten, sogenannten Hybriden, zu verschmelzen beginnen, wird anderswo bewusst die Besonderheit der nationalen Identität beschworen und die Nation, beinahe trotzig, gegen die Globalisierung hervorgehoben und betont. [4] Nach Hall erscheint es möglich, dass dieser Widerstand fähig ist, den Auflösungsprozess der Identitäten zu verlangsamen, ja vielleicht sogar durch eine „Rückkehr der Ethnizität“ Identitäten zu verlangsamen, ja vielleicht sogar durch eine „Rückkehr der Ethnizität“ [5] den Nationalstaat als einen Bezugspunkt moderner Identitäten zu bewahren. [6] Nach einem kurzen Überblick über die Kernpunkte der Argumentation Halls (im 2. Teil), soll daher vor allem die Frage nach der Durchsetzungskraft des Auflösungsprozesses der Identitäten vertieft werden. Zu diesem Zweck soll Halls Begriff des „Hybriden“, eine Studie von Marie Gillespie über „Local uses of the media: Negotiating culture and identity“ und der Begriff des „Cyborg“ aus Donna Jeanne Haraways „Manifest für Cyborgs“[7] zur Seite gestellt werden. Mit Hilfe dieser zusätzlichen Erweiterungen lässt sich Halls These der „Krise der Identität“ weiter erhellen.


Anmerkungen/ Literatur:

[1] HALL, STUART: Die Frage der kulturellen Identität, in: Rassismus und Kulturalität, Hrsg. Und übersetzt von Ulrich Mehlem, Argument – Verlag, Hamburg 1994, S.180.

[2] Vgl. Ebd., S.180.

[3] Ebd., S.181.

[4] Vgl. Ebd., S. 216ff.

[5] Hall bezieht sich bei dem Begriff „Rückkehr der Ethnizität“ auf Baumann. Vgl.: HALL, STUART: kulturelle Identität, S.221.

[6] Vgl. Ebd., S. 219ff

[7] Vgl. HARAWAY, DONNA JEANNE: Ein Manifest für Cyborgs, Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften, in: Dies. (Hrsg.): Die Neuerfindung der Natur: Primaten Cyborgs und Frauen, Campus Verlag, Frankfurt a. M. u.a. 1995, S.33-73.