Wiedergabe der Kernpunkte aus Stuart Halls Argumentation

Wie schon im ersten Teil erwähnt, erscheint es sinnvoll, zum besseren Verständnis kurz die Kernargumente Stuart Halls These von der „Krise der Identität“ zu referieren. Im Folgenden wird daher auf die von Hall vorgestellten „drei Konzepte der Identität“ und auf die Nation als „vorgestellter Gemeinschaft“ eingegangen.

Die drei Konzepte der Identität

Nach Stuart Hall sind historisch vor allem drei unterschiedliche theoretische Vorstellungen von der menschlichen Identität zu benennen, die unser Denken über das Subjekt maßgeblich beeinflusst haben. Er bezeichnet und differenziert das „Subjekt der Aufklärung“, das „soziologischen Subjekt“ und das „postmodernen Subjekt“.[1] Wie Hall selbst richtig stellt, ist dies eine sehr holzschnittartige Betrachtung eines Wandels vom kohärenten, einheitlichen Subjekt, zum fragmenthaften, zusammengesetzten und hybriden. Die Beschränkung auf drei idealtypische Vorstellungen bildet eine sehr starke Vereinfachung. Dennoch erweist sich diese Reduktion als ein hilfreiches Mittel sich einen kurzen Überblick zu verschaffen und soll deshalb auch hier beibehalten werden. Grundlegend ist für Hall die These, dass sich die „Vorstellung vom Subjekt“ überhaupt verändert, also Geschichte hat und Identität zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich erlebt, begriffen und erfasst werden kann.[2]

Für die Vertreter der Aufklärung ist die Identität gleichzusetzen mit dem essentiellen Zentrum des Ich eines Menschen. Das Wort Identität bezieht sich hierbei auf Kontinuität, auf „identisch“ mit sich selbst sein. Ein menschliches Subjekt besitzt demnach immer eine unikate Identität, einen inneren Kern, der vergleichbar mit der christlichen Vorstellung der „Seele“ ist und „Wesen“ und „Charakter“ eines Menschen ausmacht. Dieser einzigartige Kern kann sich zwar in einem gewissen beschränkten Rahmen entfalten, bleibt aber im Wesentlichen stets unverändert.[3]

Mit den gegen Ende des 19. Jahrhundert aufsteigenden, neuen Gesellschafts-wissenschaften wie der Soziologie, erfuhr dieses Identitätskonzept eine nachhaltige Veränderung. Man begann in das Konzept des Subjekts immer stärker auch den Einfluss der Gesellschaft mit einzubeziehen. Identität wird in der soziologischen Konzeption des Subjekts demnach in der Interaktion zwischen einem Ich und der Gesellschaft gebildet.

„Das Subjekt hat immer noch einen inneren Kern, ein Wesen, das `das wirkliche Ich´ ist, aber dieses wird in einem kontinuierlichen Dialog mit den kulturellen Welten `außerhalb´ und den Identitäten, die sie anbieten, gebildet und modifiziert.“[4]

Die Identität verbindet nach dieser Auffassung das Subjekt mit der es umgebenden Struktur der Gesellschaft und stabilisiert somit beide gleichermaßen, indem es sie homogener, einheitlicher und vorhersehbarer macht.

Im Subjektkonzept der Postmoderne wird die Vorstellung einer Identität im Sinne eines unveränderlichen inneren Wesens schließlich völlig abgelehnt. Das Subjekt wird nun als ein Gemisch von vielen verschiedenen, sich möglicherweise sogar widersprechenden Identitäten angesehen. So schreibt Hall:

„Wenn wir meinen, eine einheitliche Identität von der Geburt bis zum Tod zu haben, dann bloß, weil wir eine tröstliche Geschichte oder `Erzählung unseres Ich´ über unsselbst konstruieren. (…) Die völlig vereinheitlichte, vervollkommnete (sic!), sichere undkohärente Identität ist eine Illusion.“[5]

Alles Innere, „Identische“ wird durch den Kontakt mit den kulturellen Systemen die uns umgeben, durch die „Bildung des Ich im Blick des Anderen“[6] überhaupt erst gebildet und somit auch ständig weiterentwickelt und verändert.
Dieses postmoderne Konzept ist für Hall die entscheidende Vorstellung vom Subjekt spätmoderner Gesellschaften, auf die er sich in seiner These von der „Krise der Identität“ bezieht. Sein Ziel ist es zu hinterfragen, in wie weit die Vorstellung des postmodernen Subjekts nicht nur ein theoretisches Konstrukt, sondern auch vielfach erlebte Erfahrung beschreibt.[7]

Die Nation als Bezugspunkt einer „vorgestellten Gemeinschaft“

Nationale Kultur und deren Eigenheiten bilden häufig einen besonders wichtigen Bezugspunkt für die eigene Selbstvorstellung. So bezeichnen sich viele nicht nur im Urlaub mit Stolz als „Deutsche“, „Franzosen“ oder „Italiener“.[8] Ebenso dienen Nationen, häufig über Vorurteile und Klischees, zur Identifikation und Meinungsbildung bezüglich des unbekannten Anderen. Ein Nationalstaat bildet demnach nicht nur eine politische Struktur, sondern auch ein System kultureller Repräsentation und Identifikation. Die Vorstellung der gemeinsamen Nationalität schafft dabei die Vorstellung einer „symbolischen Gemeinschaft“ und Zusammengehörigkeit.[9] Nationale Kulturen sind die vorherrschende Form moderner Identifikationsfiguren, welche häufig eine Vielzahl vormoderner Identifikationsmuster wie Stämme, Völker und Religionsgemeinschaften „homogenisieren“ und in sich vereinen. Hall übernimmt daher von Benedict Anderson den Begriff von der Nation als „vorgestellte Gemeinschaft“.[10]

„Eine nationale Kultur ist ein Diskurs – eine Weise, Bedeutungen zu konstruieren, die sowohl unsere Handlungen als auch unsere Auffassungen von uns selbst beeinflußt und organisiert.“[11]

Die nationale Kultur wird in vielfacher Weise durch Medien wie Schriften, Bilder, Fotographien, etc., von der für sie spezifischen räumlichen und zeitlichen Dimensiongezeichnet und repräsentiert.[12] So wird über Tradition und Mythos eine „Erzählung von der Nation“ geschaffen, die stets darauf bedacht ist, an das „Erbe“ einer glorreichen Vergangenheit anzuknüpfen und selbiges erfolgreich in die Zukunft zu überführen. Diese Eigenschaften des nationalen Diskurses machten die nationale Kultur zu einem „Motor der Moderne“ und ermöglichten, durch erfolgreiche Homogenisierung verschiedener Gruppen in der Nation, überhaupt erst den industriellen Nationalstaat.[13]

Durch die Einwirkungen der Globalisierung22 werden die nationalen Gemeinschaften nun allerdings einer harten Prüfung unterzogen. Denn eine wesentliche Eigenschaft des Wandlungsprozesses Globalisierung ist, nach Hall, eine „Raum-Zeit-Verdichtung“, die Erzählungen von der Nation zersetzt.[14] Waren in vormodernen Gesellschaften Raum und Zeit eng miteinander verknüpft und z.B. klassische englische Kultur wie Herrenhäuser und Parks mehrheitlich nur englischen Bürgern in England zugänglich, so sind diese Grenzen in der Postmoderne aufgehoben worden. Moderne Technik wie Mobiltelefone, Flugzeuge, Fernseher, etc. lassen uns Zeit und Raum innerhalb kurzer Augenblicke passieren und konfrontieren die Nation mit einer Vielzahl alternativer Identifikationsfiguren und Deutungsmuster. Die Nation als Bezugspunkt wird somit einer allmählichen Zersetzung ausgesetzt, während es zeitgleich zur Bildung neuer kultureller Bezugspunkte und Identifikationsmöglichkeiten ober- und unterhalb der nationalstaatlichen Ebene kommt.[15] Dieser Prozess wird von Hall als die, bereits im ersten Teil erwähnte, „Krise der Identität“ moderner Gesellschaften bezeichnet.


Anmerkungen/ Literatur:

[1] HALL, STUART: Die Frage der kulturellen Identität, in: Rassismus und Kulturalität, Hrsg. Und übersetzt von Ulrich Mehlem, Argument – Verlag, Hamburg 1994, S.181.

[2] Vgl. Ebd., S. 187f.

[3] Vgl. Ebd., S.181.

[4] Ebd., S.182.

[5] Ebd., S.183.

[6] Ebd., S.195.

[7] Vgl. Ebd., S.181.

[8] Vgl. Ebd., S.195.

[9] Vgl. Ebd., S.181.

[10] Vgl. Ebd., S.199. Hall spielt hier auf ein in der Aufklärung oder in der Soziologie begründetes Subjektkonzept an.

[11] Vgl. Ebd., S.200.

[12] Vgl. Ebd., S.201.

[13] Ebd., S.201.

[14] Vgl. Ebd., S.210.

[15] Vgl. Ebd., S.205.