Migration in Southhall, oder das „Ringen“ um Identität.

Wie steht es nun um die Folgen und Auswirkungen der „Krise der Identität“? Hall macht einerseits seine These, dass die nationalen Kulturen von Selbstauflösung befallen sind sehr stark: Was ist noch typisch indische Küche, wenn man indisches Essen in jeder größeren europäischen Stadt bekommen kann? Und erleben moderne Gesellschaften nicht einen unaufhaltsamen Prozess der Homogenisierung, ausgelöst durch globale Unternehmen der Fast Food-, Bekleidungs- und Unterhaltungsindustrie?[1] Andererseits ist er, was die Reichweite der von ihm beschriebenen Fragmentierung und Auflösung nationaler Eigenheiten angeht, eher vorsichtig. So nennt er Einschränkungen und Gegentendenzen, die einer völligen Homogenisierung nationaler Kulturen entgegenstehen. Hall beruft sich hier auf Beobachtungen von Kevin Robins, der zeitgleich mit der fortschreitenden Homogenisierung auch eine zunehmende Rückbesinnung auf regionale Eigenheiten, sowie ein steigendes Interesse an „Fremdheit“ und „Andersartigkeit“ aufzeigt.[2] Hinzu kommt, dass die Geschwindigkeit der Homogenisierungsprozesse für verschiedene Regionen der Welt sehr unterschiedlich ausfällt und diese außerdem einer gewissen „Machtgeometrie“ unterworfen sind. Das zeigt sich z.B. darin, dass der Export „westlicher“ Waren, Vorstellungen und Lebensstile sehr viel schneller und umfassender vonstatten geht, als der Import fremder Kulturgüter in den „Westen“.[3]

Dennoch ist sicherlich festzuhalten, dass der Druck sich mit der kulturellen Vielfalt der Welt auseinander zu setzen mit fortschreitender Globalisierung stetig gestiegen ist. Auch in den Reaktionen auf die Konfrontation mit dieser „neuen Vielfalt“ zeigen sich Unterschiede:

„Einige Identitäten kreisen um das, was Robins `Tradition´ nennt, indem sie versuchen, ihre frühere Reinheit wiederherzustellen und die verloren geglaubten Einheitlichkeiten und Sicherheiten wiederzufinden. Andere akzeptieren, dass Identität der Geschichte, der Politik, den Spielen der Repräsentation und der Differenz unterworfen ist, so daß sie nie wieder einheitlich oder `rein´ sein wollen. Sie kreisen konsequent um das, was Robins, Homo Bhabha folgend, `Übersetzung` nennt.“[3]

Ein wichtiger Begriff ist hier der der „Übersetzung“. Übersetzung bezeichnet einen Prozess, bei dem assoziative Verbindungen zwischen Elementen verschiedener Kulturen geschlossen werden. Die Mechanismen der Übersetzung sind Akzeptanz, Wiedererkennung und Vermischung des Vertrauten mit dem Fremden.[5]

Jene, die zwischen verschiedenen kulturellen Identitäten stehen und notgedrungen auch im wörtlichen Sinne `übersetzen´, um sich zwischen Ihnen zu orientieren, nennt Hall „Hybriden“. Ein gutes Beispiel zur Veranschaulichung des unterschiedlichen Umgangs mit kultureller Verschiedenartigkeit, Übersetzung und Hybridität bietet die Studie „Local uses of the media: Negotiating culture and identity“ von Marie Gillespie.[6] Gillespie untersucht hier indische Migrantenfamilien in Southhall, London und deren Positionierung zwischen indischer und britischer Kultur anhand deren alltäglichem Film- und Fernsehkonsum von „westlichen“ und „indischen“ Filmen, wobei das Ziel der Betrachtung besonders auf der Beobachtung von Generations- und genderspezifischen Unterschieden liegt. Unter anderem hat sie zu diesem Zweck eine indische Familie, die Dahnis, zwei Jahre lang in regelmäßiger teilnehmender Beobachtung begleitet.

In vielen Immigrantenfamilien ist nach Gillespie der Videoabend mit „Bollywood“- Spielfilmen und „Soap-operas“ in Hindi ein regelmäßiges Ritual.[7] Das gemeinsame Ansehen dieser Filme dient dabei häufig einer internen familiären Auseinandersetzung mit traditioneller indischer Kultur. So berichtet Gillespie beispielsweise, dass die Filme unter anderem dazu dienen, die jüngeren Familienmitglieder indische Sprachen wie Hindi, Urdu oder Punjabi zu lehren. Die Vorstellungen und Bilder von der indischen Heimat, besonders bei vielen Teenagern aber auch bei Älteren, sind durch den regelmäßigen Konsum daher maßgeblich beeinflusst. So ist z.B. von einem älteren Herrn zu lesen, der berichtet wie sehr ihn alte indische Schwarzweißfilme an seine eigene Jugend erinnern.[8] Viele Ältere, vor allem Frauen, die traditionell als Stütze der Kultur und der Familie gelten, loben die moralischen und sozialen Unterstützungen, welche die Filme für das eigene Leben bieten.[9] Es gibt aber auch kritische Stimmen. Besonders junge Männer kritisierenhäufig, dass das in den Filmen vermittelte Bild von Indien, gerade der ländlichenGegenden, häufig falsch und unrealistisch sei und ein schlechtes Licht auf die indische Kultur werfe. Dies führt dazu, dass sich einige Teenager den gemeinsamen Familienabenden entziehen.[10] Die Meinungen und Ansichten über indische Filme und Serien sind also durchaus heterogen. Marie Gillespie fasst grob zusammen:

„(…) while young people use Indian films to deconstruct `traditional culture´, many parents use them to foster cultural and religious traditions”[11]

Besonders im Blick von Gillespie ist ein spezielles Gerne des indischen Films, die „Sacred-Films“ oder auch „Sacred-Soaps“, die klar von anderen Filmen unterschieden werden. Hierzu werden jene Filme gezählt, die auf heiligen hinduistischen Texten, hauptsächlich dem „Mahabharata“ und dem „Ramayana“ beruhen. Wenn diese Filme einmal begonnen haben, dürfen sie in den meisten Familien nicht wieder abgeschaltet werden. Man darf nicht essen, oder nur religiöse Speisen essen und muss sich den Göttern gegenüber, wenn sie das Bild betreten, ehrerbietig verhalten und ihnen Respekt zollen.[12] Die Vorführung einer englischen Fassung der Mahabharata von Peter Brook, die nicht der traditionellen indischen Bilder- und Symbolsprache entsprach, löste bei der Familie Dahni [13] Verwirrung und Bestürzung aus. Götter und Menschen, Gut und Böse waren nicht mehr eindeutig zu erkennen und zu trennen, die bekannten moralischen Aussagen der Geschichte konnten nicht mehr identifiziert werden, der nötige Respekt gegenüber dem Göttlichen fehlte. Nach einer halben Stunde verlassen der Vater und der älteste Sohn, nachdem sie ihren Unmut bekundet haben, den Raum und schließlich wurde der Film ganz abgeschaltet.[14] Erst nach dem man „Sita’s Wedding“ einen regulären indischen „Sacred-Film“ eingeschaltet hat und die alten vertrauten Bilder laufen, kehrt wieder Ruhe ein.

Auch bei anderen Gelegenheiten können westliche Filmprodukte, wie z.B. bei britischen Jugendlichen sehr beliebte Soap „Neighbours“, zu Unverständnis und Konflikten führen. Wie geht man damit um, regelmäßig mit westlicher Kultur, mit Dingen, „Kussszenen“ und angedeuteten sexuellen Beziehungen konfrontiert zu werden, die den traditionellen indischen Moralvorstellungen widersprechen? Von vielen Eltern wird Neighbours als respektlos und unmoralisch abgelehnt. Die Serie darf daher teilweise nur in Anwesenheit der Mutter gesehen werden, wird zensiert oder ganz verboten und dennoch von vielen Jugendlichen heimlich geschaut.[15] Für beide Seiten ein nicht gerade einfach zu lösendes Problem.

Was sagen diese Beobachtungen von Marie Gillespie über moderne Subjekte und nationale Identitäten aus? Diese jungen Briten indischer Abstammung bilden nach Hall sicherlich eine hybride Gemeinschaft, deren gemeinsamer Bezugspunkt das britisch-indische Leben in Southhall bildet. Peter J. Bräunlein, der sich in einem Text über „Migration, Globalisierung und das TV-Mahabharata“[16] auf Gillespie bezieht, schreibt:

„Deutlich wird (…), dass die Rede von »authentischer Kultur« hinfällig ist. Für die jungen Mitglieder der Familie Dhani, die in Southhall aufwachsen, gibt es kein zurück in einen reinen »authentischen Zustand«[17]

Sie sind, im Sinne von Hall, die „Übersetzer“ zwischen beiden Kulturen. Die Elterngeneration hingegen scheint sich weiter an der indischen Identität festzuhalten. Doch auch sie müssen sich mit der britischen Kultur auseinander setzen. Es gibt bei Gillespie Andeutungen, dass auch diese auf ihre Weise „Hybride“ sind, wenn etwa Jugendliche andeuten, dass Eltern „more Indian than Indians“, also konservativer als die Verwandten in Indien sind und noch im „India wich they left twenty years ago“ leben.[18] Auch ihr Identitätsbezugspunkt ist nicht mehr das aktuelle „reale“ Indien und auch sie sind somit nicht mehr Teil der „aktuellen“ indischen Nationalkultur. Auch wenn sie selbst sich natürlich weiterhin als „indisch“ oder „Inder“ verstehen, sind auch sie auf ihre Weise „Übersetzer“.

Die Studie von Marie Gillepsie bestätigt somit Halls Annahme, dass Nationalstaaten, zumindest als alleiniger Bezugspunkt der Identität, immer mehr abgelöst werden und moderne Identitäten tatsächlich als hybride, wandelbare Netzwerke zu begreifen sind.


Anmerkungen/ Literatur:

[1] Vgl. HALL, STUART: Die Frage der kulturellen Identität, in: Rassismus und Kulturalität, Hrsg. Und übersetzt von Ulrich Mehlem, Argument – Verlag, Hamburg 1994, S.212.

[2] Vgl. Robins, Kevin: Tradition and Translation. National Culture in its Global Context, in: Corner, John/ Harvey, Silvia (Hrsg.): Enterprise and Heritage. Crosscurrents of National Culture, Routledge Verlag, London 1991, S. 21-44.

[3] Vgl. HALL, STUART: kulturelle Identität, S,213ff.

[4] Ebd., S.217.

[5] Vgl. Ebd., S.218.

[6] GILLEPSIE, MARIE: Local uses of the media: Negotiating culture and identity, in: Dies. (Hrsg.): Televison, Ethnicity and Cultural Change, Routlegde Verlag, New York u.a. 1995, S.77-108.

[7] Gillespie gibt die Zahl der Familien die wöchentlich regelmäßig (meistens am Wochenende) solche Videos gemeinsam sehen mit ca. 60% an. Vgl. GILLESPIE, MARIE: Local uses, S.77.

[8] Vgl. Ebd., S.86.

[9] Vgl. Ebd., S.82.

[10] Vgl. Ebd., S.81.

[11] Ebd., S.87.

[12] Vgl. Ebd., S.89

[13] Die Familie Dahni umfasst 9 Personen: Die Eltern (Beide Ende 40), 5 Töchter (zwischen 12 u. 23 Jahre) und 2 Söhne (11+18 Jahre). Vgl. Ebd., S.88.

[14] Vgl. Ebd., S.89.

[15] Vgl. Ebd., S.97.

[16] BRÄUNLEIN, PETER J.: Migration, Globalisierung und das TV-Mahabharata. Anregungen der Medien-Ethnologie für Religionswissenschaft und Cultural Studies, in: Göttlich, Udo/ Gerhardt, Winfried/ Albrecht, Clemens (Hrsg.): Populäre Kultur als repräsentative Kultur. Die Herausforderung der Cultural Studies. (Fiktion und Fiktionalisierung; Bd.6) Herbert von Halem Verlag, Köln 2002, S. 171-190.

[17] Vgl. Ebd., S. 186.

[18]Vgl. GILLESPIE, MARIE: Local uses, S.80.