Hybriden und Cyborgs

Auch wenn sich Hall vorrangig auf die Fragmentierung nationaler Identität bezieht, deutet er mit seiner These von der „Krise der Identität“ an, dass die Diskontinuität, Fragmentierung und Zerstreuung des Subjekts noch darüber hinausgeht.[1] Andere Autoren sind hier jedoch deutlicher. So etwa Donna Jeanne Haraway in ihrem „Manifest für Cyborgs“.[2] Vordergründig ähnlich wie Halls Hybriden sind auch Haraways „Cyborgs“ als Subjekte aus zusammengesetzten „Identitäts-Fragmenten“ zu begreifen. Anders als Hall konzentriert Sie sich aber weniger auf kollektive Identitätskonzepte wie National-kulturen, sondern hat vielmehr einzelne Subjekte im Blick.

Mit dem Begriff des Cyborgs wird radikal jede Vorstellung einer festen „Einheit“ verworfen.

„Cyborgs sind kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion.“[3]

Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine sind, spätestens mit der Transplantation künstlicher Herzen, gefallen. Gleiches gilt für die Grenze von Mensch und Tier:

„Die letzten Brückenköpfe unserer Einzigartigkeit sind korrumpiert worden (…): Sprache, Werkzeuggebrauch, Sozialverhalten, Geist, nichts ist mehr übrig, das die Trennungslinie zwischen Mensch und Tier überzeugend festzulegen vermag – und viele sind auch nicht mehr von der Notwendigkeit einer solchen Trennungslinie überzeugt.“[4]

Kurz: „Der Cyborg ist eine Art zerlegtes und neu zusammengesetztes, postmodernes kollektives und individuelles Selbst.“[5] Anders als der Begriff des hybriden Subjekts, dessen Konzeption, wenn auch keine Trennung, so doch zumindest noch eine Identifikation seiner Teile und Zusammensetzungen, etwa indisch-britisch, zuließ, ist der/die Cyborg ein sich ständig wandelndes und erweiterndes Gebilde, dessen Teile nicht einmal alle bekannt sein müssen.

„Kein Objekt, Raum oder Körper ist mehr heilig und unberührbar. Jede beliebige Komponente kann mit jeder anderen verschaltet werden, wenn eine passende Norm oder ein passender Kode konstruiert werden kann, um Signale in einer gemeinsamen Sprache auszutauschen.“[6]

Der/die Cyborg beschreibt ein Subjekt, dessen Identität allein im Augenblick besteht und beständig, z.B. durch neue Assoziationen, verändert wird. Haraway benutzt für diese Veränderungen die Begriffe des „Sprechens“ und „Schreibens“, denn der entscheidende Baustein für „Gesellschaft“ ist für sie Kommunikation. „Das gesamte Universum möglicher Objekte muß als kommunikationstechnisches (…) oder als texttheoretisches (…) Problem reformuliert werden.“[7]

Moderne Gesellschaft bildet ein polymorphes Informationssystem, in dem sowohl Subjekte wie auch Objekte, Texten gleich, beschrieben und auch geschrieben werden.[8] Die „Werkzeuge“ und Mechanismen, die „Techniken des Schreibens“, die sie erschaffen und verändern sind dabei vielseitig. Haraway nennt Kommunikation, Interaktion, Identifikation, Mythos und Tradition, aber auch Biotechnologie und Wissenschaft. Cyborgsubjekt und Gesellschaft konstruieren sich gegenseitig durch ständiges „neu erzählen“ und „wiedererzählen“, in einem beständigen wechselseitigen Prozess der Übersetzung. Jede Identität ist somit stets nur als eine von vielen möglichen Übersetzungen zu verstehen und ob wir sie annehmen, uns mit ihr „identifizieren“ oder nicht, hängt einzig und allein davon ab, ob wir uns übersetzen lassen.

Übersetzungen gelingen dabei nicht zwangsläufig. Nach Haraway ist die Welt, bzw. sind Gesellschaften durch Grenzen unterteilt, die eine verschiedene Durchlässigkeit für unterschiedliche Information aufweisen und so Übersetzungen zulassen oder verhindern. Sie bezeichnet dies als „Informatik der Herrschaft“, durch die sich bestimmte Übersetzungen, bestimmte Assoziationen über das „Sein“ von Subjekt und Objekt, über andere erheben.[9] Herrschenden Übersetzungen sind für Haraway jene, die als „natürlich“ und „selbstverständlich“ erscheinen, so das sie nicht mehr weiter hinterfragt werden.

Der Wandlungsprozess der Identitäten führt daher einerseits zu Konflikten und Problemen, wenn „neue Identitäten“ nicht mehr mit den herrschenden Übersetzungen konform sind, ermöglicht andererseits aber auch neuen Chancen des Fortschritts und der Entwicklung.[10] So bietet sich für die/den Cyborg die Chance, durch Hinterfragung herrschender Übersetzungen und ihrer Auflösung in Fragmente sich aus ihrer Herrschaft zu befreien.[11]


Anmerkungen/ Literatur:

[1] Vgl. HALL, STUART: Die Frage der kulturellen Identität, in: Rassismus und Kulturalität, Hrsg. Und übersetzt von Ulrich Mehlem, Argument – Verlag, Hamburg 1994, S.181.

[2] Vgl. HARAWAY, DONNA JEANNE: Ein Manifest für Cyborgs, Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften, in: Dies. (Hrsg.): Die Neuerfindung der Natur: Primaten Cyborgs und Frauen, Campus Verlag, Frankfurt a.M. u.a. 1995, S.33-73.

[3] Ebd. S.33.

[4] Ebd. S.36.

[5] Ebd., S.51.

[6] Ebd., S.50.

[7] Ebd., S.50.

[8] Vgl. Ebd., S.48.

[9] Vgl. Ebd., S.48f.

[10] Vgl. Ebd., S.70f.

[11] Vgl. Ebd., S.48f.