Resümée

Die von Hall beschriebene Fragmentierung des Subjekts, ausgelöst durch die allgegenwärtige Vernetzung und Vermischung der Gesellschaften, also kurz: die Globalisierung, erscheint als ein unaufhaltsam fortschreitender Prozess der Veränderung. Sowohl die empirischen Untersuchungen von Gillespie als auch die theoretischen Überlegungen von Haraway legen nahe, dass die von Stuart Hall erwähnten „Gegenprozesse“ und Widerstände nicht nur nicht in der Lage sind, diesen Prozess zu verlangsamen oder zu stoppen, sondern vielmehr selbst Teil des Prozesses sind. „Übersetzung“ ist allgegenwärtig und Identität ist notwendigerweise immer eine Konstruktion. Dies gilt – zumindest dann, wenn man das postmoderne Konzept des Subjekts ernst nimmt – sowohl für neue „hybride“, wie auch für altbewährte, geschlechtliche, ethnische, regionale und nationale Identitäten.

Heutige Gesellschaften bieten eine Vielzahl von möglichen „Identitäten“ auch abseits des Mainstream, wie Jugend- oder Subkulturen, politische Gruppen, Mode- und Musikrichtungen, die jedes Subjekt für sich selbst annehmen, vermischen oder verwerfen kann. Nach Haraway konstruieren sich Subjekt und Gesellschaft dabei gegenseitig in ständiger Abhängigkeit von einander. Dies heißt allerdings nicht automatisch, dass die Nation als Identifikationspunkt, weder in näherer noch in fernerer Zukunft, vollständig verschwinden wird. Wie Stuart Hall selbst betont, geht es bei Identität schließlich darum, sich mit etwas zu „identifizieren“ und sich „als Teil von etwas“ zu empfinden. Für viele wird die Nation auch weiterhin einen wichtiger Bezugspunkt und ein Teil ihres Selbstbildes sein. Ob jemand seine Identität als fest und einheitlich oder wandelbar versteht und lebt, hängt schließlich nicht zuletzt davon ab, wie er oder sie sein bzw. ihr „Selbst“ konstruiert und übersetzt.

Besonders wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass „Übersetzung“ kein willkürlicher Prozess ist. Identität lässt sich nicht ohne weiteres beliebig formen. Sie ist vielmehr von Vorbedingungen, bestimmten vorherrschenden Erzählungen, Signalen und Codes, kurz: der „Herrschaft der Informatik“ abhängig, deren Auflösung oft mit großen Schwierigkeiten verbunden ist.[1] Für eine soziologische Beobachtung bieten die Begriffe des „Hybrid“ und des „Cyborg“ daher sinnvolle Ansätze, um sowohl die Vielseitigkeit und Widersprüchlichkeit wie auch die Genese kollektiver und subjektiver Identitäten zu erfassen.

Im Kern steht somit die Erkenntnis, dass „Identität“ einem ständigen Wandlungsprozess des „Übersetzens“ unterworfen sind, einem Prozess in dem sich jedes „Subjekt“ auf seine Weise immer neu verorten muss. Während Hall implizit eher negativ vom Verlust einheitlicher festen Identität als einer „Krise“ spricht, blickt Haraway hoffnungsvoll in die Zukunft:

„Die Metaphorik der Cyborgs kann uns einen Weg aus dem Labyrinth der Dualismen weisen, in dem wir uns unsere Körper und Werkzeuge erklärt haben. Dies ist kein Traum einer gemeinsamen Sprache, sondern einer mächtigen, ungläubigen Vielzüngigkeit.“[2]

Für Haraway ist die Zukunft des Cyborgs kein Niedergang. Sie repräsentiert weniger einen Verlust, als vielmehr eine Chance größerer Selbstbestimmung.


Anmerkungen/ Literatur:

[1] Vgl. HARAWAY, DONNA JEANNE: Ein Manifest für Cyborgs, Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften, in: Dies. (Hrsg.): Die Neuerfindung der Natur: Primaten Cyborgs und Frauen, Campus Verlag, Frankfurt a.M. u.a. 1995, S.50f.

[2] Ebd., S.72. Mit Dualismen sind Gegensätze wie z.B. Mann – Frau, schwarze Haut – weiße Haut, gemeint.