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Mathis Nolte

Émile Durkheim, die Regeln der soziologischen Methode und die ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ – Teil 4

Das Normale und das Pathologische

Wie aus dem vorherigen Blog-Post (Teil 3) ersichtlich wird, ist Durkheims Bruch mit seinen gesellschaftstheoretischen Vorgängern, trotz seiner polemischen Kritik ihrer methodischen Mängel und seiner radikalen Zurückweisung anthropologischer Erklärungsversuche menschlicher Gesellschaften, keineswegs absolut. In seinem Bemühen, das individuelle menschliche Subjekt und seine spezifischen Bedürfnisse aus den soziologischen Erklärungsstrategien zu verbannen, etabliert er parallel dazu die Gesellschaft, als ein neues physisches und psychisches Kollektivsubjekt, das als solches wiederum zum Objekt biologiesierender und psychologisierender Untersuchungen gemacht werden kann.

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Émile Durkheim, die Regeln der soziologischen Methode und die ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ – Teil 3

Die Definition des Sozialen

Induktion und methodischer Zweifel dienen Durkheim – wie sich dem vorangehenden Blog-Post (Teil 2) entnehmen lässt – nicht nur als Garanten der wissenschaftlichen Wahrheitssicherung, sondern erweisen sich notwendigerweise auch für seine eigene Definition sozialer Phänomene als konstitutiv. Damit eine Definition objektiv genannt werden kann, so Durkheim, müsse sie die Phänomene mittels jener Merkmale, die aus ihrer Natur – sprich aus ihnen selbst – hervorgehen, und nicht aufgrund einer wie auch immer gefassten ideellen Anschauung, charakterisieren.[1] Zu einem Zeitpunkt, so Durkheim weiter, wo noch wenig über die Gestalt sozialer Phänomene bekannt sei, müsse zunächst nach den äußerlichsten und allgemeinsten Eigenschaften ihrer Erscheinung gesucht werden. Erst wenn diese erkannt sind, können auf ihrer Grundlage weitere differenziertere Klassifizierungen vorgenommen werden.[2]

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Émile Durkheim, die Regeln der soziologischen Methode und die ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ – Teil 2

Die Kernfrage, die sich konsequent durch die Schriften Émile Durkheims zieht und seinen Überlegungen zugrunde liegt, ist die Frage nach der Verfasstheit menschlicher Gesellschaften. Aufgabe der Soziologie, so Durkheim, ist es, Wege zu finden, wie sich diese Verfassungen objektiv beschreiben, erklären und beurteilen lassen. Entscheidend ist hierbei Durkheims feste Überzeugung, dass Gesellschaften bzw. ihre Verfassungen als Realität sui generis zu betrachten sind. Sie bilden ein Kollektivsubjekt, das sich aus assoziierten Einzelsubjekten zusammensetzt, ohne allerdings darin aufzugehen.[1] Der Versuch, Wesen und Struktur einer Gesellschaft über die Analyse von Individuen zu erklären, scheint ihm folglich ebenso vergeblich, wie die Lebendigkeit eines Organismus aus dem Vorhandensein von Zellen ableiten zu wollen. Damit ist nicht gesagt, dass Menschen kein Bestandteil des sozialen Lebens seien; allerdings rufen sie es, Durkheims Ansicht nach, weder hervor, noch geben sie ihm seine besondere Form. Letztlich tun sie nichts weiter, als es zu ermöglichen.[2] Gegenstand soziologischer Untersuchungen haben somit nicht einzelne Individuen, sondern kollektiv erzeugte Phänomene zu sein, welche die Elemente der gesellschaftlichen Verfassung abbilden.

In diesem und den nachfolgenden Blog-Posts möchte ich versuchen aufzuzeigen, in welcher Weise diese Leitbilder und Prinzipien Durkheims Rede von den sozialen Phänomenen [3] durchziehen, wie sie ihn dazu verleiten, die Soziologie als Wissenschaft von der ‚organischen Natur des Sozialen‘ zu konstituieren und welche Effekte sich daraus für das disziplinäre Selbstverständnis der Soziologie ergeben.

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Émile Durkheim, die Regeln der soziologischen Methode und die ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ – Teil 1

Wirft man einen Blick in die Geschichte der Soziologie, so mag man den Eindruck gewinnen, dass kaum jemand die Entwicklung dieser Disziplin so sehr geprägt hat, wie der Franzose Émile Durkheim (1858-1917). René König etwa, der es sich seit Anfang der 1960er Jahre zur Aufgabe gemacht hat, Durkheim ins Deutsche zu übersetzen, preist ihn als weltweit zweifellos bedeutendsten Soziologen gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.[1] Insbesondere die 1895 publizierte Abhandlung „Les Règles de la méthode sociologique“ gilt König als Meilenstein auf dem Weg zu einer Wissenschaft des Sozialen. In dieser zentralen Schrift Durkheims, so seine Überzeugung, liegt für die Soziologie eine ähnlich wichtige Schöpfung vor, wie in Descartes „Discours de la methode“ von 1637 für die Philosophie.[2] So wie man ohne Descartes in die neuzeitliche Philosophie nicht hineinkomme, da erst der methodische Zweifel jene Dimension des Denkens eröffnet habe, die das neuzeitliche Philosophieren vom mittelalterlichen abhebe, so komme man ohne Durkheim nicht in die Soziologie hinein. Durkheims Grundsatz „Soziales nur durch Soziales zu erklären“, ist für König, „der Beginn aller Soziologie als selbständiger Wissenschaft.“[3]

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Überlegungen zum Witz – Exkurs 2: Sigmund Freud, der Witz und die Zensur des Unbewussten

Vorbemerkungen:

In meinem zweiten Exkurs zu den Überlegungen zum Witz (Blogpost vom Okt.2012) möchte ich nun auf den “Witz und seine Beziehung zum Unbewussten” im gleichnahmigen Buch von Sigmund Freud eingehen. Dieser beschreibt den Witz  als Mittel zum Lustgewinn, als Möglichkeit äußere gesellschaftliche, wie auch innere (Selbst-)Zensuren zu umgehen und so unterdrückte Emotionen und Aggressionen ausleben zu können. Mit dem erneuten Aufgreifen der Beziehung Witz und Zensur künpfe ich dabei zugleich auch immer wieder an den ersten Exkurs zum Witz im Werk von Heinerich Heine an.

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Überlegungen zum Witz – Exkurs 1: Witz und Satire als Mittel gegen die politische Zensur im Werk von Heinerich Heine

Vorbemerkungen:

Mit diesem Eintrag möchte ich an den Blogpost „Überlegungen zum Witz – Elemente einer Ideengeschichte“ anknüpfen. In zwei Exkursen sollen diese „Überlegungen“ um einige Ausführungen zum Witz in den Werk von Heinerich Heine und Sigmund Freud ergänzt werden. Im Zentrum dieser Exkurse sollen dabei (anders als im ersten Blogpost) weniger die zahlreichen semantischen Verschiebungen des Witzbegriffs, als seine Beziehung zu verschiedenen Formen der Zensur stehen. Es soll insbesondere gezeigt werden, in welcher Hinsicht dem Witz und seinen Formen und Techniken im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20 Jahrhunderts eine spezifische Funktion zugeschrieben wurde – nämlich die Funktion, Zensuren zu umgehen.

In diesem ersten Exkurs werde ich daher den Witz in Gestalt der Satire, in der Erzählung „Ideen. Das Buch Le Grand“ aus Heinerich Heines Reisebildern und dessen Verhältnis zur politischen Zensur in den Mittelpunkt stellen.

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Überlegungen zum “Witz” – Elemente einer Ideengeschichte

Begriff und Idee des Witzes sind historisch betrachtet einem vielfachen Bedeutungswandel unterworfen. Ihre Entwicklung lässt sich über die Literatur bis ins Altertum zu Aristoteles (384-322 v. Chr.) zurückverfolgen, dessen Schriften über die Rhetorik und die Poetik für das spätere Sprechen, Denken und Schreiben über den Witz sehr prägend und einflussreich gewesen sind. Für die heutige Zeit eher ungewohnt ist der Begriff des Witzes, im Altertum und auch noch lange darüber hinaus, nur eher lose mit dem Bereich des Humoristischen oder des Scherzhaften verbunden.[1] Er bezeichnet weder eine literarische Gattung noch eine bestimmte Textsorte, sondern vielmehr eine natürliche Begabung zur Scharfsinnigkeit (griech. euphyes, lat. ingenium), ein Talent die Ähnlichkeiten unterschiedlicher, weit auseinanderliegender Dinge zu erkennen und geistreich und anschaulich in Worte fassen zu können. Als zentrale Techniken des Witzes werden folglich das Gleichnis, die Metapher und die Analogie genannt.[2] So wird in einem Beispiel aus der Poetik eine Trinkschale als „Schild des Dionysos“ beschreibbar, in dem sie als Symbol des Weingottes mit dem Schild als Symbol des Kriegsgottes Ares vergleichen wird.[3]

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Shaping the “Torso” – A History of scientific views on Human Bodies since the Enlightment

In our exhibition “Seducing Truth” we question the romantic view of science as a provider of reliable truth. The Torso-Installation, which is a part of this exhibition, questions about the truth in scientific knowledge about human bodies.
Following a historical and poststructuralist perspective, it will be shown that bodies – despite their long-term consistent physical appearance – are no natural objects to be observed and explored by scientists. Human bodies are artefacts, shaped by scientific concepts, theories and instruments.

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What about Bielefeld University and the Web 2.0?

This Morning, while I was walking through the University Hall, a poster catched my eyes. “LehrBar” – a platform where teachers could present each other new didactic tools and designs – informs everybody interested about a talk on “LabWrite“, a wiki which was created to help students writing better laboratory protocols. Reading this raised the general question in which way Teachers, Researchers, Students, Groups and Organisations  use web tools. What do I know about People, Groups and Organizations from Bielefeld University using the Web 2.0? And in which different ways do they use it? In the following, I would like to present some impressions from a short research about interactive, communicative and collaborative web tools used at Bielefeld University.

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Zur Debatte um “wissenschaftliche Autorschaft” und “Science 2.0” (Teil 2) – “Autorschaft als Werkherrschaft”

Im folgenden Beitrag möchte ich einige Überlegungen von Roland Reuß zur „Autorschaft“ und deren Entwicklung im “Web” vorstellen und im Hinblick auf die in Teil 1 von „wissenschaftliche Autorschaft und Science 2.0“ genannten Aspekte diskutieren: Die Definition von Autorschaft, das Verständnis des Autors als souveränes Subjekt, der Begriff des geistigen Eigentums, der Bezug zum Urheberrecht und die Konzeption von “Wissen/ Wissenschaft als Ware”.

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