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Émile Durkheim

Émile Durkheim, die Regeln der soziologischen Methode und die ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ – Teil 7

Zusammenfassung und abschließende Überlegungen

Wie aus der vorangehenden Blog-Posts ersichtlich wird, bestand ein zentrales Anliegen Durkheims darin, Wege zu finden wie sich Verfasstheit und Entwicklung menschlicher Gesellschaften und der ihnen zugrunde liegenden sozialen Phänomene, objektiv beschreiben, erklären und beurteilen lassen. Soll der Anspruch der Objektivität erfüllt werden, so ist es für Durkheim unumgänglich, dass sich die Soziologie von der Philosophie, ihren metaphysischen Konzepten und utopischen Ideen, emanzipiere. Der Anspruch wissenschaftlicher Exaktheit gebiete es, dass sich der Soziologe, entsprechend naturwissenschaftlicher Vorbilder, von allen subjektiven Vorstellungen befreie und seinem Gegenstand unvoreingenommen gegenübertrete. Nur durch ‚Faktenorientierung‘ und ‚Tatsachenblick‘, sowie die unbedingte Bereitschaft jede These wiederholt am Widerstand empirischer Beobachtungen zu überprüfen, könne garantiert werden, dass eine gegebene Beschreibung der tatsächlichen Natur der Dinge entspreche. Die unbedingte Objektivität der Methode, ist demnach das entscheidende Mittel der wissenschaftlichen Erkenntnissicherung, welches für den Wahrheitsgehalt aller getroffenen Aussagen garantiert. Die Begriffe Wissenschaft und Objektivität werden dabei in Durkheims Forschungsprogramm so eng verbunden, dass sie nicht voneinander zu trennen sind. Zur Wissenschaft zu gehören, setzt voraus über eine objektive Methode zu verfügen.

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Émile Durkheim, die Regeln der soziologischen Methode und die ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ – Teil 6

Methodische Konstitution des Forschungsprogramms II – Erklären und Beweisen

Nachdem in den letzten drei Blog-Post (siehe Teil 3, Teil 4 und Teil 5) vorrangig Durkheims ontologische Konstitution sozialer Gesellschaften als “natürliche” Organismen analysiert wurde, möchte ich mich nun wieder mehr der Methodik zuzuwenden.

Wie bereits für die Ebene des Beschreibens aufgezeigt wurde, (siehe Teil 2) zeigen sich Ontologie und Methode eng miteinander verknüpft. Einerseits, so Durkheims Credo, verlange eine an der Empirie orientierte, objektive Methodik, soziale Phänomene wie natürliche Phänomene zu behandeln, andererseits sieht er sich durch die Objektivität der Methode wiederum in seiner These von der organischen Natur der sozialen Phänomene gestützt. Die Objektivität der Methode dient ihm als Wahrheitsgarant seiner Aussagen und muss folglich nicht nur bei der Beschreibung des “inneren sozialen Milieus”[1] einer Gesellschaft, sondern auch bei den Folgeschritten stets gewahrt bleiben.

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Émile Durkheim, die Regeln der soziologischen Methode und die ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ – Teil 5

Zur Klassifikation menschlicher Gesellschaften

Um den von Durkheim erhobenen Anspruch einer funktionalen Beurteilung sozialer Phänomene, bzw. ihrer Erscheinungen erfüllen zu können (siehe Teil 4), muss die Soziologie notwendiger Weise in der Lage sein, wissenschaftliche Aussagen über den evolutionären Verlauf gesellschaftlicher Entwicklungen zu treffen. Ohne Klassifikation von Gesellschaftstypen als Vergleichsbasis, und ohne Kenntnis ihrer Entwicklungsfolge scheint Durkheim jede verlässliche Aussage über die Funktionalität/Dysfunktionalität sozialer Phänomene unmöglich.

In logischer Weiterführung der vorangehenden Überlegungen orientiert sich Durkheims gesellschaftliches Klassifikationsmodell am Vorbild biologischer Evolutions-theorien. Er folgt damit letztlich einem der vorherrschenden, gesellschaftstheoretischen Trends seiner Zeit.[1]

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Émile Durkheim, die Regeln der soziologischen Methode und die ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ – Teil 4

Das Normale und das Pathologische

Wie aus dem vorherigen Blog-Post (Teil 3) ersichtlich wird, ist Durkheims Bruch mit seinen gesellschaftstheoretischen Vorgängern, trotz seiner polemischen Kritik ihrer methodischen Mängel und seiner radikalen Zurückweisung anthropologischer Erklärungsversuche menschlicher Gesellschaften, keineswegs absolut. In seinem Bemühen, das individuelle menschliche Subjekt und seine spezifischen Bedürfnisse aus den soziologischen Erklärungsstrategien zu verbannen, etabliert er parallel dazu die Gesellschaft, als ein neues physisches und psychisches Kollektivsubjekt, das als solches wiederum zum Objekt biologiesierender und psychologisierender Untersuchungen gemacht werden kann.

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Émile Durkheim, die Regeln der soziologischen Methode und die ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ – Teil 3

Die Definition des Sozialen

Induktion und methodischer Zweifel dienen Durkheim – wie sich dem vorangehenden Blog-Post (Teil 2) entnehmen lässt – nicht nur als Garanten der wissenschaftlichen Wahrheitssicherung, sondern erweisen sich notwendigerweise auch für seine eigene Definition sozialer Phänomene als konstitutiv. Damit eine Definition objektiv genannt werden kann, so Durkheim, müsse sie die Phänomene mittels jener Merkmale, die aus ihrer Natur – sprich aus ihnen selbst – hervorgehen, und nicht aufgrund einer wie auch immer gefassten ideellen Anschauung, charakterisieren.[1] Zu einem Zeitpunkt, so Durkheim weiter, wo noch wenig über die Gestalt sozialer Phänomene bekannt sei, müsse zunächst nach den äußerlichsten und allgemeinsten Eigenschaften ihrer Erscheinung gesucht werden. Erst wenn diese erkannt sind, können auf ihrer Grundlage weitere differenziertere Klassifizierungen vorgenommen werden.[2]

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Émile Durkheim, die Regeln der soziologischen Methode und die ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ – Teil 2

Die Kernfrage, die sich konsequent durch die Schriften Émile Durkheims zieht und seinen Überlegungen zugrunde liegt, ist die Frage nach der Verfasstheit menschlicher Gesellschaften. Aufgabe der Soziologie, so Durkheim, ist es, Wege zu finden, wie sich diese Verfassungen objektiv beschreiben, erklären und beurteilen lassen. Entscheidend ist hierbei Durkheims feste Überzeugung, dass Gesellschaften bzw. ihre Verfassungen als Realität sui generis zu betrachten sind. Sie bilden ein Kollektivsubjekt, das sich aus assoziierten Einzelsubjekten zusammensetzt, ohne allerdings darin aufzugehen.[1] Der Versuch, Wesen und Struktur einer Gesellschaft über die Analyse von Individuen zu erklären, scheint ihm folglich ebenso vergeblich, wie die Lebendigkeit eines Organismus aus dem Vorhandensein von Zellen ableiten zu wollen. Damit ist nicht gesagt, dass Menschen kein Bestandteil des sozialen Lebens seien; allerdings rufen sie es, Durkheims Ansicht nach, weder hervor, noch geben sie ihm seine besondere Form. Letztlich tun sie nichts weiter, als es zu ermöglichen.[2] Gegenstand soziologischer Untersuchungen haben somit nicht einzelne Individuen, sondern kollektiv erzeugte Phänomene zu sein, welche die Elemente der gesellschaftlichen Verfassung abbilden.

In diesem und den nachfolgenden Blog-Posts möchte ich versuchen aufzuzeigen, in welcher Weise diese Leitbilder und Prinzipien Durkheims Rede von den sozialen Phänomenen [3] durchziehen, wie sie ihn dazu verleiten, die Soziologie als Wissenschaft von der ‚organischen Natur des Sozialen‘ zu konstituieren und welche Effekte sich daraus für das disziplinäre Selbstverständnis der Soziologie ergeben.

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Émile Durkheim, die Regeln der soziologischen Methode und die ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ – Teil 1

Wirft man einen Blick in die Geschichte der Soziologie, so mag man den Eindruck gewinnen, dass kaum jemand die Entwicklung dieser Disziplin so sehr geprägt hat, wie der Franzose Émile Durkheim (1858-1917). René König etwa, der es sich seit Anfang der 1960er Jahre zur Aufgabe gemacht hat, Durkheim ins Deutsche zu übersetzen, preist ihn als weltweit zweifellos bedeutendsten Soziologen gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.[1] Insbesondere die 1895 publizierte Abhandlung „Les Règles de la méthode sociologique“ gilt König als Meilenstein auf dem Weg zu einer Wissenschaft des Sozialen. In dieser zentralen Schrift Durkheims, so seine Überzeugung, liegt für die Soziologie eine ähnlich wichtige Schöpfung vor, wie in Descartes „Discours de la methode“ von 1637 für die Philosophie.[2] So wie man ohne Descartes in die neuzeitliche Philosophie nicht hineinkomme, da erst der methodische Zweifel jene Dimension des Denkens eröffnet habe, die das neuzeitliche Philosophieren vom mittelalterlichen abhebe, so komme man ohne Durkheim nicht in die Soziologie hinein. Durkheims Grundsatz „Soziales nur durch Soziales zu erklären“, ist für König, „der Beginn aller Soziologie als selbständiger Wissenschaft.“[3]

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